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Machete

USA 2010. R,B,S: Robert Rodriguez. R: Ethan Maniquis. B: Álvaro Rodríguez. K: Jimmy Lindsey. S: Rebecca Rodriguez. M: John Debney, Carl Thiel. P: Troublemaker Studios, Overnight Films, Dune Entertainment. D: Danny Trejo, Robert De Niro, Jessica Alba, Steven Seagal, Michelle Rodriguez, Don Johnson, Jeff Fahey, Cheech Marin, Lindsay Lohan, Tom Savini u.a.
101 Min. Sony ab 21.4.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Türkisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Entfallene Szenen, Audiospur mit Zuschauerreaktionen, Trailer.

Tex-Mex-Wegfetz-Splatter

Von Nils Bothmann 2010 war das Jahr der Fanboyfilme: Im Spätsommer und Herbst wurden gleich mehrere von Fans geschätzte Objekte der Verehrung reaktiviert – jedoch mit unterschiedlichen Graden an Komik. The Expendables funktionierte gleichzeitig als klassischer Actionfilm und als ironischer Film über das klassische Actionkino, Das A-Team – Der Film reanimierte die eh schon witzige TV-Serie im zeitgenössischen Gewand mit Camp-Einsprengseln und moderner Over-the-Top-Action, während sich Piranha 3D in seiner Kreuzung aus Funsplatter und Tierhorror bewußt doof gab, so wie das Videothekenfutter vergangener Dekaden häufig ungewollt war. Machete, mit seinem Ensemble-Cast und seiner nominellen Zugehörigkeit zum Actiongenre, wurde gerne als Konkurrenzfilm zu The Expendables verstanden, ist aber vom Grad der Reflexivität her am ganz anderen Ende des Spektrums zu verorten: Als eigenständiger Film würde Robert Rodriguez’ Kreation gar nicht funktionieren, er ist Teil jener Retrotrash-Welle, die Rodriguez zusammen mit Quentin Tarantino und ihrem Grindhouse-Double-Feature aus Planet Terror und Death Proof lostrat.

In Machete ist quasi alles Zitat, immerhin basiert der schräge Splatterspaß auf einem jener Fake-Trailer, die in Grindhouse zu sehen waren. Held ist Danny Trejo, Nebendarsteller unzähliger Genrefilme vom Blockbuster bis hin zur kleinen Videopremiere, nach über 100 Filmen hier zum ersten Mal in einer Hauptrolle – die klar an seinen Messerwerfer-Part in Desperado angelehnt ist, der wiederum die erste von vielen Kollaborationen mit seinem Kumpel Robert Rodriguez darstellt. Dessen Schaffen wird in Machete wieder und wieder zitiert, sei es ein Wiederauftauchen der Zwillinge aus Planet Terror, die fast schon obligatorische Gastrolle Cheech Marins (nach Trejo der häufigste Rodriguez-Regular), sogar der ungarische Regisseur Nimród Antal, dessen Predators Rodriguez produzierte, hat einen Auftritt als (natürlich ungarischer) Bodyguard und darf in seiner Landessprache ein paar Sätze zum Besten geben.

Nahezu jede Rolle ist ein Spiel mit Filmreferenzen, Populärkultur und Starimages: Jessica Albas Agentin heißt Sartana, wie der Held diverser Italowestern, der Name von Michelle Rodriguez’ sagenumwobener Revoluzzerin Shé ist natürlich eine Mischung aus She und Ché und Steven Seagal darf seinen selbstgestrickten Mythos vom unbesiegbaren Kämpfer nun als Schurke weiterentwickeln – ohne daß das für seine Figur tödliche Finale besagtem Mythos etwas anhaben würde. Rodriguez weiß seine Darsteller einzusetzen, besetzt Skandalnudel Lindsay Lohan als Skandalnudel April Booth, holt Seagal mit ebensolcher Freude aus der Versenkung wie seine Fieslingsgenossen Jeff Fahey und Don Johnson. Irgendwo zwischen seinen Gangsterrollen und der Karikatur eines rechten Politikers steht Robert De Niros Senator, der grell überzeichnete antimexikanische Propagandafilme unters Volk bringt, nicht unähnlich den berühmt-berüchtigten Hetzfilmen aus dem Dritten Reich.

Doch als Zitatenfundgrube ist Machete eines nicht: Echter Trash. Es ist Retrotrash, also wissender und gewollter Trash, während echten Trash eben Naivität ausmacht; man muß daher gewillt sein, sich auf das gewollt Trashige einzulassen, auf das gewollte Einbauen der Szenen aus dem ursprünglichen Fake-Trailer, auf gewollt kultige, aber dennoch wunderbar funktionierende Oneliner vom Kaliber eines »Machete don’t text!«. Auf visueller Ebene ist Machete dabei nicht mehr ganz so auffällig auf den Look der Vorbilder gebürstet wie Planet Terror, trotz des etwas grobkörnigeren Bildes und des Vorspanns im Stil der 1970er Jahre hält sich Rodriguez mit den inszenatorischen Verweisen zurück.

Ganz und gar nicht zurückhaltend hingegen ist die Gewaltdarstellung, die wieder verdeutlicht, daß der Film vor allem als grobe, rabenschwarze Komödie funktioniert – etwa wenn Titelheld Machete einen menschlichen Darm bei seiner Flucht aus dem Krankenhaus als Seilersatz benutzt und dieser sich selbstredend noch an einem Fiesling befindet. Gerade in diesen Konfrontationen fällt der Unterschied zu The Expendables auf: Als Actionszenen wären sie dem Stallone-Vehikel hoffnungslos unterlegen, gerade der Showdown wirkt als Spektakel unkoordiniert und unübersichtlich; als hemmungslos zitatenreiche Brachialkomik fügen sie sich hingegen wunderbar in das Gesamtkonzept des Films ein. Um dies zu verdeutlichen befindet sich bei den Extras der DVD auch eine Audiospur mit Zuschauerreaktionen auf den Film, für all diejenigen, die auf das Gemeinschaftserlebnis im Kino oder beim Machete-Videoabend verzichten mußten – wobei Rodriguez’ extrem amüsanter, im Handlungsbereich freilich ausgesprochen dünner Partyfilm in ebenjenen Kontexten am besten funktioniert. 2011-05-23 09:53

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