Ein Trieb, sie zu knechten
Von David J. Lensing
Wer ist Mr. Vengeance, der Herr der Vergeltung? Ist es der taubstumme Ryu, dessen Niere von skrupellosen Organhändlern gestohlen wird? Ist es der wohlhabende Geschäftsmann, dessen Tochter ihr Leben durch den taubstummen Ryu verliert? Oder ist es der taubstumme Ryu, dessen Freundin ihr Leben durch den wohlhabenden Geschäftsmann verliert? Oder doch der wohlhabende Geschäftsmann, dessen Mord an Ryus Freundin sein eigenes Schicksal besiegelt? Mr. Vengeance ist keine Figur, sondern ein Titel – ein Wanderpokal – gebührend demjenigen, der seine Rachegelüste in die Tat umsetzt. Damit geht das Spiel in die Rückrunde und am Ende schließt sich der Kreis, um nahtlos von neuem zu beginnen: Die ewige Spirale der Gewalt. Ein monumentales, biblisches, allgegenwärtiges Thema und Stoff zahlreicher Bücher, Filme und Ängste.
Park Chan-wook drehte offiziell drei Runden in diesem Karussell (inoffiziell taucht das Motiv Rache in praktisch jedem seiner Film auf). Nachdem ihm mit
Joint Security Area zur Jahrtausendwende der Durchbruch gelungen war, standen Park die Türen offen: Sein politisch hochbrisanter Kassenschlager überzeugte Publikum und Produzenten vom unverkennbaren Talent des südkoreanischen Regisseurs, dessen nächstes Vorhaben sich als eine lang gehegte Herzensangelegenheit entpuppte:
Sympathy for Mr. Vengeance war 2002 der Auftakt seiner so genannten Rache-Trilogie und zugleich ihr schwärzester, hoffnungslosester Vertreter. Ein Jahr später ließ Park Chan-wook
Oldboy folgen und stellte endlich zweifelhafte Genugtuung in Aussicht. Doch erst in
Lady Vengeance, dem dritten Teil, konnte diese wortwörtlich bei Kaffee und Kuchen genossen werden. Trotz ihrer thematischen und qualitativen Gemeinsamkeiten fallen die drei extremen, visuell beeindruckend fotografierten Werke in ihrer Form und Struktur recht unterschiedlich aus. So ist
Sympathy for Mr. Vengeance längst nicht so actionlastig wie
Oldboy, beziehungsweise so chronologisch verwoben wie
Lady Vengeance, sondern ein stringent erzähltes Drama über Verlust und Vergeltung.
In der ersten Hälfte steht der taubstumme Ryu im Fokus. Dementsprechend dialogarm (und musikalisch nur stellenweise dürftig untermalt) wird die Geschichte dieses jungen Mannes erzählt, der seiner kranken Schwester zuliebe alles riskiert – und letztlich verliert. Die Mitte des Films markiert einen Perspektivenwechsel und der Zuschauer lernt den wohlhabenden Geschäftsmann Park Dong-jin nach dem Tod seiner kleinen Tochter kennen. So unterschiedlich die beiden Protagonisten Ryu und Park zunächst erscheinen, so ähnlich sind sie sich gegen Ende, als sie im dritten Akt verbittert Jagd aufeinander machen. Identifikationspotential bietet keiner dieser beiden Hauptprotagonisten einem Publikum, das gelernt hat, Selbstjustiz zu verurteilen. Die Figuren sind in sich glaubwürdig, handeln zwar nachvollziehbar – aber dennoch eiskalt. Ihre Ambivalenz unterstreicht der Regisseur gerne mit einer krassen, unverblümten Bildsprache. Beispielhaft dafür stechen in
Sympathy for Mr. Vengeance die Obduktionsszenen hervor. Abgesehen von einem Kindertorso, der in einer Nahaufnahme der Länge nach aufgeschnitten wird, bestehen diese Szenen im Wesentlichen aus Close-Ups auf besagten Geschäftsmann: Bei der Obduktion seiner eigenen Tochter kämpft Park – vor der grauenhaften Geräuschkulisse surrender und sägender Instrumente – um Fassung, ehe er in Tränen ausbricht. Bei der Obduktion einer für ihn Fremden steht Park, vor der gleichen Geräuschkulisse, in lethargischer Teilnahmslosigkeit daneben und gähnt.
Die Kritik, Gewalt zu ästhetisieren, muß sich der Regisseur wohl gefallen lassen: Bleiben die großen Gesten auf schauspielerischer Seite aus, finden sie sich in den Bildern wieder. Geschossen wurden diese im ersten Teil der losen Trilogie zwar von Kameramann Kim Byeong-il, doch sie tragen die Handschrift Park Chan-wooks. Eindrucksvolle Settings wie der idyllische See als zentraler Schauplatz weiß der innovative Filmemacher ebenso stilsicher und entgegen alter Sehgewohnheiten auf Zelluloid zu bannen, wie brutale Folter- und Tötungsszenarien. Zeitgenössische Probleme wie die Kluft zwischen arm und reich, kostspielige Operationen und illegaler Organhandel sind bloß austauschbare Elemente in dieser neu verfilmten aber letztlich alt bekannten Parabel. Nichtsdestotrotz: großes Kino für starke Nerven!
2011-05-20 09:39