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Weapons – Störkanal Edition

USA 2007. R,B: Adam Bhala Lough. K: Manuel Alberto Claro. S: Jay Rabinowitz. M: Ethan Higbee. P: Pantry Films, Fried Films, Circle of Confusion, Weapons Productions. D: Nick Cannon, Paul Dano, Mark Webber, John Campo, Riley Smith, Kareem Abdul-Jabbar, Amy Ferguson, Aris Mendoza u.a.
82 Min. I-ON New Media ab 28.1.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Booklet.

Die Verdauung der Bilder

Von Martin Thomson Ein Arrangement, wie man es aus Requiem For A Dream kennt. Aus einer Subjektiven schaute man im Drogen-Drama von Darren Aronofsky auf gefährliche Rauschgiftsubstanzen und fettmachende Lebensmittel herab, die von den abhängigen Figuren sogleich im Stakkato-Schnitt einverleibt wurden. In der ersten Einstellung aus Weapons ist es nun ein Cheeseburger, der, zwischen einer Portion Pommes und einem maßlosen Klecks Ketchup in das Zentrum von Kader und Tablett platziert, sein Verschwinden und Verdauen einfordert. Im Anschluß schwenkt die Aufsicht nach oben: Auf Augenhöhe sehen wir uns dem Blick eines farbigen Jugendlichen ausgeliefert, der gelangweilt an seinem Burger herumkaut und dabei teilnahmslos in die Kamera starrt. Anders als bei Aronofsky haben wir von Anfang an nicht die Perspektive einer Figur eingenommen, sondern die eines unbeteiligten, gegenübersitzenden Beobachters.

Erst jetzt wird der Einsatz der Zeitlupe bemerkbar: Die für unsere nichtfilmische Wahrnehmung ausgeschlossene Verlangsamung versetzt das Geschehen vollends ins Abstrakte. In dieser künstlichen Aura konsumieren wir den An- und Gegenblick des Konsumenten, der uns zu gleichen Teilen adressiert wie verfehlt. In der unscharfen Tiefe des Raums ist schließlich zu sehen was der Figur, weil sie mit dem Rücken zum Hintergrund sitzt, entgehen muß. Eine schemenhafte Gestalt, offenbar ein Weißer, lädt eine Shotgun durch und zielt auf den Kopf des Jungen. Mit Betätigung der Waffe klatschen die Überreste seines Schädels gegen die Kameralinse. Eine Grenze wurde markiert: Der Schuß, der auch uns hätte treffen sollen, ist, genau wie der Blick des Jungen, nicht zum Zuschauerraum vorgedrungen.

Mit dem Verstoß gegen jene Regeln des (Erzähl-)Kinos, die uns für gewöhnlich zu unbeteiligten Zeugen der Vorgänge im filmischen Raum machen, geht zugleich auch ein Bruch mit der gemeinhin tabuisierten Visualisierung von rassistisch konnotierter Gewalt einher: Der anonyme, obendrein noch dunkelhäutige Teenager in Ghetto-Garderobe wird uns nicht vorgestellt, er wird unserem Blick viel eher ausgeliefert. Und obwohl dieser exponierte, scheinbar zum Töten freigegebene Archetyp genauso schnell von der Bildfläche verschwindet wie der Cheeseburger vom Tablett, wird sich der Anblick seines explodierenden Schädels zunehmend als Störung in der mentalen Verdauung der Bilder bemerkbar machen, die uns darüber aufklären werden, wie es zu dem Attentat im Fast-Food-Restaurant gekommen ist. Der Blick des Jungen, der unsere Gleichgültigkeit widerspiegelte, wird dann einer lebendigen Figur angehören und jene Apathie, die wir angesichts der Gewaltdarstellung empfunden haben mögen, wird sich, mit einigem Schrecken verbunden, bis zur Kenntlichkeit entstellt haben.

Konzentriert man sich auf die Geschichte, die einem Weapons nach der einleitenden Titelsequenz erzählt, müßte man Regisseur Adam Bhala Lough jedoch auf den ersten Blick unterstellen, er beschränke sich in der psychologischen Fundierung seiner Figuren und der Beschreibung ihrer Lebensumstände auf jene schablonenhaften Erklärungsmodelle, die auch Produzenten von Reality-Soaps bemühen, um die Jugendphobie ihrer erwachsenen Zuschauer via wirkungsvoller Schockmomente anzuheizen. Aus diesem Blickwinkel würde nur die übliche, im vorstädtischen Brennpunkt-Milieu der USA angesiedelte Handlung um ein paar gelangweilte und deswegen gewaltbereite Spät-Jugendliche übrigbleiben, die wilde Parties feiern, allerlei Drogen einschmeissen und auf ziemlich gedankenlose Weise durch die Gegend kopulieren: All die Phänomene eben, die bereits Larry Clark in Kids oder Ken Park für seine verallgemeinernden Zustandsbeschreibungen der amerikanischen Jugend von heute heranzog.

Auch bei Lough führen diese sozialen Motive mit mechanischer Zwangsläufigkeit zu Mißverständnissen mit tödlichem Ausgang, aber anders als Clark hält er sich nicht allzu lange damit auf, im Familienleben seiner Figuren herumzuschnüffeln um als vermeintlich neue Weisheit zu präsentieren, was an gesellschaftlichen Ursachen für den desolaten Zustand der amerikanischen Jugend sowieso hinlänglich bekannt ist: Er beläßt es bei kurzen Hinweisen und ahnungsvollen Momenten; denn seine Suche gilt weniger den Ursachen für einen bestimmten Zustand als den Formen der Wahrnehmung, die mit ihm verknüpft sind. Auch das von Clark wenig reflektierte Versprechen durch scheinbar improvisierte, mit wackeliger Handkamera festgehaltene Spielszenen Authentizität zu gewährleisten, läßt Lough, der sich ähnlicher Strategien bedient, uneingelöst: Indem er die von Paul Dano verkörperte Figur zum Hobbyfilmer macht, bleibt unsicher, inwiefern das Verhalten der Personen nicht auch der stetigen Präsenz seiner DV-Kamera geschuldet sein könnte. Es ist der involvierte Blick dieses, immer wieder an den Rand gedrängten und deswegen zur Beobachtung verdammten Schaulustigen, der sich zunehmend mit dem des unsichtbaren, gleichfalls voyeuristischen Kamerasubjekts vermischt. Vor der Linse des Außenseiters, der irgendwie immer mit von der Partie ist obwohl ihn keiner so richtig dabei haben will, entpuppen sich die affektierten Posen der stets um Aufmerksamkeit bemühten Vorstadtgangster mit Harter-Kerl-Attitüde als kalkulierte Selbstinszenierungen für die Blicke der Anderen.

Mit Sozial-Dokumentarismus hat das Ganze also nur bedingt zu tun. Weapons handelt, wie bereits der Titel nahe legt, von Waffen. Zum einen, und darin sehr handfest, von Schußwaffen und dann, im weiteren, eher abstrakten Sinne von den ineinander verschränkten Apparaten des Sehens und Gesehenwerdens, des Schießens und Erschossenwerdens. In der Hand, mehr noch aber im Auge der soziopathischen Hauptfigur werden Kamera und Shotgun identisch: Sie dienen dem gestörten Chris als phallische Verlängerung seines Begehrens. Die eigentliche Provokation besteht deswegen weniger in der Geschichte, die uns der Film erzählt, als in der Tatsache, daß es ausgerechnet die filmisch determinierte Wahrnehmung dieser mit Impotenz gestraften Zeitbombe in Menschengestalt ist, die wir immer wieder einzunehmen gezwungen werden und die darüber hinaus erschreckende Parallelen zu unserer alltäglichen Rezeptionserfahrung medial aufbereiteter Gewalt aufweist.

Von dieser Warte aus betrachtet liest sich Weapons dann auch eher wie ein medienkritischer Kommentar auf jene selten hinterfragten Bilder, die Gewalt zu einem goutierbaren Gegenstand erklären und weniger wie ein geschickt verschachtelter Thriller mit sozialkritischem Einschlag. Lough ergänzt seine mitunter an Gangster/Hip-Hop-Musikvideos erinnernden Bilder um die entscheidende Frage, unter welchen Bedingungen des Sehens und Gesehenwerdens Gewalt konsumierbar oder zur Bedrohung für den Betrachter wird. Mit einer bereits strapazierten Metapher gesprochen: Mögen die effektvoll aufeinander abgestimmten Geschmacksverstärker auch über den schlecht gegrillten Fleischlappen und die trockenen Weißbrothälften hinwegtäuschen; so ein Cheeseburger sorgt, wie die standardisierten Bilder der Gewalt, genauso schnell für Bedürfnisbefriedigung wie er zur Ursache für eine schwere Verdauungsstörung werden kann. Weapons leistet beides. 2011-05-18 09:21

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