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Genova

GB 2008. R,B: Michael Winterbottom. B: Laurence Coriat. K: Marcel Zyskind. S: Paul Monaghan. M: Melissa Parmenter. P: Revolution Films. D: Colin Firth, Catherine Keener, Willa Holland, Perla Haney-Jardine, Hope Davis, Andrea Acquarone, Stefano Barabino, Livio Basou u.a.
90 min. Ascot Elite ab 15.2.11

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Originaltrailer und Trailershow, Interviews, Beim Dreh.

Konzentriertes Schleichen

Von Carsten Happe Wie bei wenigen anderen Regisseuren des Weltkinos weist das Werk von Michael Winterbottom eine Beständigkeit und Verläßlichkeit auf, die an sich schon beeindruckt. 18 Langfilme in den letzten 16 Jahren, das können vielleicht noch Woody Allen, Manoel de Oliveira oder Ken Loach vorweisen, die thematische und auch formale Bandbreite Winterbottoms erreichen selbst diese Altmeister jedoch kaum. Dennoch fliegt Winterbottom nach wie vor unter dem Radar, außer zweier Bären für seine dezidiert politischsten Werke In This World und The Road to Guantanamo blieben ihm die ganz großen Auszeichnungen bislang verwehrt. Und auch längst nicht jeder seiner Filme schafft es in die deutschen Kinos, was an sich schon ein Skandal ist; Genremeisterwerke wie die furiose Musikbio 24 Hour Party People erschienen sogar erst mit mehrjähriger Verspätung auf DVD.

Auch sein 2008er Drama Genova war hierzulande nur bei wenigen Festivals auf der großen Leinwand zu sehen und liegt erst jetzt auf DVD vor. Hauptdarsteller Colin Firth konnte zwischenzeitlich mit A Single Man und The King’s Speech seinen großen, letztlich Oscar-gekrönten Durchbruch feiern, was auch der Vermarktung von Genova sicherlich zugute kommt. Nicht daß der Film diese zusätzliche Promotion wirklich nötig hätte. Winterbottom ist einmal mehr ein enigmatisches Drama gelungen, das in bestechenden Bildern die Trauerarbeit einer zerrissenen Familie seziert.

Nach dem Unfalltod der Mutter zieht der College-Professor Joe mit seinen beiden Töchtern Kelly und Mary für ein Auslandssemester nach Genua. Während sich die kleine Mary auch Monate nach dem Unfall noch mit der Schuldfrage quält und von Albträumen geplagt wird, erliegt der Teenager Kelly dem Charme der italienischen Jungs und der flirrenden Sommeratmosphäre. Eine ständige Aura der Verunsicherung liegt über den Bildern einer faszinierend morbiden Stadt, die sich mit ihrer labyrinthisch engen Gassen, ihren historischen wie auch verfallenen Bauten bisweilen als Antagonist der Geschichte auftürmt. Mary und Kelly drohen verloren zu gehen in Genova, verschluckt in einem Geflecht aus Schuldgefühlen und verzweifelten Befreiungsschlägen.

Colin Firth beschränkt sich weitgehend auf die Rolle des liebevollen Vaters, der mit seiner sanften Zurückhaltung den Mädchen Halt zu geben versucht. Willa Holland und Perla Haney-Jardine sind die eigentlichen Stars dieses konzentrierten wie auch offenen Films, der mit schleichendem Tempo in die Gefühlswelt seiner Protagonisten eindringt und dadurch einen umso nachhaltigeren Eindruck hinterläßt.

Auch Winterbottoms nachfolgende Filme The Shock Doctrine (nach dem Buch von Naomi Klein) und The Killer Inside Me fanden trotz ihrer viel beachteten Premieren bei der Berlinale 2009 respektive 2010 ebenfalls noch keinen deutschen Verleih. Letzterem, erneut überaus sehenswerten Film ist wenigstens jetzt auch eine DVD-Veröffentlichung hierzulande beschert. 2011-05-02 09:34

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