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Lärm & Wut

De Bruit et de fureur. F 1988. R,B,S: Jean-Claude Brisseau. K: Romain Winding. S: María Luisa García, Annick Hurst. P: Les Films du Losange. D: Bruno Cremer, François Négret, Vincent Gasperitsch, Fabienne Babe, María Luisa García u.a.
90 Min. Bildstörung ab 18.2.11

Sp: Deutsch, Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Die Fernbedienung in der Hand. Jean-Claude Brisseau kommentiert die Eingangsszenen seines Films (27 Min.), Brisseau Cinéaste (Making-of, 40 Min.), Der Fall und der Flug (Interview mit Jean-Claude Brisseau, französisch ohne Untertitel, 25 Min.).

Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?

Von Jochen Werner Dort wo man Fußmatten verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. Was am Anfang auch ein harmloser, wenn auch von überdeutlicher Zerstörungswollust getriebener Jungenstreich sein könnte, das eskaliert spätestens in der letzten halben Stunde zu einem Gewaltausbruch von scheinbar grenzenlosem Nihilismus. Lärm & Wut (De Bruit et de fureur, 1988), der zweite Kinofilm von Jean-Claude Brisseau und infolge einer Auszeichnung in Cannes sein vorläufiger Durchbruch bei Kritik und Publikum, schildert nichts weniger als das Leben in einer Höllenvision der Pariser Banlieues, lange bevor ein gewisser Mathieu Kassovitz mit dem ähnlich durchstilisierten, aber auf ganz andere Weise wirksamen »Angry Young Indie«-Blockbuster Hass (La Haine) die Gewalt in den unter scheinbarer Ignoranz der französischen Gesellschaft zunehmend ghettoisierten Vorstädten in flashigen Schwarzweißbildern auf die Leinwände des Weltkinos schleuderte.

Brisseau hingegen, der vielleicht von Beginn an und seit einer guten Dekade immer mehr einer der großen Idiosynkraten des französischen Kinos war und ist, setzt auf eine ganz andere Art von Ästhetisierung: ins längst anachronistisch gewordene 1,33:1-Format geradezu eingesperrt, strebt Lärm & Wut nicht nach Coolness, sondern nach echter, unversöhnlicher Kälte. Die Wohnblocks, die er vor meist graublauem, wolkenverhangenem Himmel in Szene setzt, sind keine Orte, um darin zu leben; eher sollte man meinen, es stürbe sich hier. Oder eher: es prügele, vergewaltige, morde sich hier. Die Art Mensch, die von solcher Umwelt geprägt wird, (über)zeichnet Brisseau dann exemplarisch in der Familie des jungen Pyromanen Jean-Roger, deren Wohnung vom völlig durchgeknallten, seine Asozialität stolz vor sich hertragenden Vater gern mal als Schießplatz mißbraucht wird. Das wilde Sammelsurium der Einrichtung, wo der blinkende Flipperautomat neben dem röchelnd im Sterben liegenden Großvater plaziert wird, entrückt dieses Refugium letztlich jeglicher Praktikabilität, hin zu einer hochartifiziellen Pop-Art-Rauminstallation.

Überhaupt verunsichert Brisseau den milieurealistischen Ansatz seiner Erzählung – des jungen Bruno, der aus einem Erziehungsheim in eine stets leerstehende Wohnung zurückkehrt, mit seiner Mutter nur über Zettel an der Pinnwand zu kommunizieren scheint und in den schlechten Einfluß des immer ungehemmter destruktiven Jean-Roger gerät, dem er sich anschließt, »weil es ja alle tun« – immer wieder grundlegend, läßt Lärm & Wut als Sozialdrama in poetischen Taumel verfallen und dringt furchtlos in eine delirierende, symbolbefrachtete und manchmal -überfrachtete Bilderwelt vor, die hier freilich anders in vielen seiner Spätwerke den Kitsch zwar oft hart schrammt, aber selten in ihm verlorengeht. Diese unbedingte Konsequenz in seiner Bildhaftigkeit wie in seiner Milieuschilderung macht Brisseaus Film zu einer buchstäblich erschütternden filmischen Erfahrung.

Um so aufregender und wichtiger ist nun die Wiederentdeckung dieses ein wenig in Vergessenheit geratenen Filmes – fast ist man geneigt zu sagen: dieses kleinen Meisterwerkes. Ob dieses große Wort freilich einen Film wie diesen treffend beschreibt – einen bewußt und bedingungslos streitbaren Film ebenso wie einen, der unerschrocken prätentiös sich stellenweise zu sein traut, um seine hochfliegende Poesie nur Momente später mit brutaler Erbarmungslosigkeit auf den Boden deprimierender Tatsachen zurückzuzerren – sei letztlich dahingestellt. Die Edition ist, man ist es nicht anders gewohnt von Bildstörung, erneut makellos – in der Theorie jedenfalls, denn leider hat sich ein überaus ärgerlicher Fehler eingeschlichen. So werden beim eigentlich sehr interessanten Interview mit Brisseau die falschen Untertitel – nämlich die des Making-ofs – eingeblendet, so daß dieses Interview jedenfalls für jenen Teil der Zuschauer, die des Französischen nicht in ausreichendem Maße mächtig sind, unbrauchbar ist. Immerhin hat das Label auf diesen Fauxpas bestmöglich reagiert und das komplette Interview, mit korrekten Untertiteln und wahlweise zum Online Anschauen oder zum freien Download als DVD-R-Datei zum Selberbrennen auf seine Website gestellt (siehe Link oben links). Dort mag es nun vielleicht sogar dazu dienen, daß sich unentschlossene Käufer noch ein wenig mehr Lust darauf bereiten können, diesen fabelhaften Film zu entdecken. 2011-04-27 09:25

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