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Die Spur des Fremden

The Stranger. USA 1946. R: Orson Welles. B: Anthony Veiller, Victor Trivas, Decla Dunning. K: Russell Metty. S: Ernest J. Nims. M: Bronislau Kaper. P: RKO. D: Edward G. Robinson, Orson Welles, Loretta Young, Philip Marivale, Richard Long, Konstantin Shayne, Billy House, Martha Wentworth, u.a.
91 Min. EuroVideo ab 10.3.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: keine.

Schattendasein

Von Asokan Nirmalarajah Als Kritiker fühlt man sich immer dann bestätigt und gefordert, wenn es darum geht, den Lesern den eigentlichen Wert eines bislang unbeachteten oder unterschätzten Films bewußt zu machen. Anlaß für diese rückblickenden Neubewertungen sind nicht selten Wiederaufführungen oder Veröffentlichungen vergessener Kinojuwelen auf digitalen Speichermedien. Auch die jüngste DVD-Edition von Orson Welles’ dritter offizieller Spielfilm-Regiearbeit Die Spur des Fremden wird manche Rezensenten dazu animieren, abermals für die qualitative und filmhistorische Bedeutung des recht konventionellen Genrefilms zu argumentieren. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird dabei die Auteur-Theorie bemüht, um in der recht eindrucksvollen Mise-en-scène, den bemerkenswerten Plansequenzen und der beklemmenden »Noir«-Stimmung des Films die unverwechselbare persönliche Handschrift des Regisseurs zu erkennen. Vermutlich wird auch behauptet, The Stranger, so der Originaltitel des Thrillers, den Welles selbst für seine mißlungenste Regiearbeit hielt, habe zu lange im Schatten der angeseheneren Werke des Meisters, wie etwa Citizen Kane und Touch of Evil, gestanden. Doch manchmal fristen Filme zu Recht ein Schattendasein.

Dabei ist Die Spur des Fremden, trotz der Meinung seines Regisseurs, der mit dieser Fingerübung beweisen wollte, daß auch er einen gewöhnlichen, stringent erzählten Hollywoodfilm machen kann, bei weitem kein schlechter Film. Es ist sogar ein sehr interessanter Film mit einigen denkwürdigen Sequenzen, packenden Momenten und durchweg faszinierenden Bildern. Daß die Summe seiner mitunter exzellenten Einzelteile nur zu einem durchwachsenen, berechenbaren Thriller reicht, ist schon etwas enttäuschend, aber keine besondere Überraschung. Die schizophrene Natur des ebenso experimentierfreudigen wie schablonenhaften Films ließe sich zum einen damit erklären, daß Welles beim Dreh wie gewohnt auf kreative Hoheit insistierte und sich darüber mit seinem Produzenten Sam Spiegel verkrachte. Zum anderen liegt es daran, daß der übereifrige Welles wieder einmal alle inszenatorischen Register zieht, aber von einem einfallsarmen, wenn auch Oscarnominierten Drehbuch in Stich gelassen wird, an dem neben Welles auch John Huston als Drehbuchdoktor gearbeitet habe. So oder so, Regisseur und Material finden bei der mißglückten Produktion selten zueinander, weshalb er oft hysterisch und überinszeniert wirkt.

Nichtsdestotrotz muß man Die Spur des Fremden dafür loben, was er doch bewerkstelligt. Da wäre etwa das entlarvende Portrait einer amerikanischen Kleinstadt und ihrer braven, putzigen Bewohner, in deren Mitte ein international gesuchter Nazi-Verbrecher problemlos untertauchen und seinen Rückschlag planen kann. Das hatte man aber in weit gelungener und weniger aufdringlicher Form bereits einige Jahre zuvor in Alfred Hitchcocks Meisterwerk Im Schatten des Zweifels (1943) gesehen, wo Welles-Freund Joseph Cotten als gefürchteter Serienmörder ebenfalls Schutz in einer biederen Kleinstadtidylle fand. In der Tat wirkt Die Spur des Fremden über weite Strecken wie ein Hitchcock-Film, bei dem der »Noir«-Grad der Mise-en-scène irritierend aufgedreht wurde. Der subtilen Schauspieler- und Kameraführung des frühen Hitchcocks setzt Welles extreme Nahaufnahmen grotesker Charaktergesichter, im Bild gerahmt von tiefen Schatten, komplizierte tracking shots und schwindelerregende overhead shots entgegen. Diese paranoische Grundstimmung ist überall, nicht zuletzt in der nervösen Psychopathenvorstellung, mit der sich der stetig murmelnde, arrogante Welles mit dem gräßlichen Schnurrbart mitunter übernimmt.

Da kommt einem das gelassene Spiel, mit dem Edward G. Robinson den kompromißlosen Nazijäger gibt, nur recht (auch Agnes Moorehead, die Welles für diese Rolle bevorzugte, wäre willkommen gewesen). Nur seine gewohnt dynamischen Auftritte lassen kurzzeitig vergessen, daß sich der Film nach einem fulminanten Start als Thriller in das Genre-Terrain des Liebesmelodrams verirrt. Die von der häufig deplatziert wirkenden Loretta Young wenig überzeugend verkörperte Ehefrau des flüchtigen Nazis rückt ins Zentrum der immer hanebücheneren Geschichte. Wie die junge Heldin von Hitchcocks Im Schatten des Zweifels wird auch sie über die wahre Identität eines Mannes aufgeklärt, den sie bedingungslos liebt, und muß sich dafür entscheiden, ob sie dem Gesetz hilft, ihn zu fassen, oder ihm dabei, zu entkommen. Das gestaltet sich hier jedoch recht langweilig und forciert, besteht doch kaum eine Spannung zwischen den zwei orientierungslos überagierenden Schauspielern Welles und Young. Bemerkenswert ist allerdings, daß der Nazijäger bei seinen Überzeugungsversuchen der Frau des Nazis authentische Dokumentaraufnahmen aus deutschen Konzentrationslagern zeigt, ein Novum für das damalige Hollywoodkino.

Da die Produzenten des Films 1973 vergaßen, die Copyright-Rechte an Die Spur des Fremden zu erneuern, befindet sich der einzige richtige Kassenerfolg in Orson Welles’ Karriere seitdem im Public Domain und war Opfer vieler unterdurchschnittlicher DVD-Auswertungen. Die neueste Edition von Euro Video fällt wieder einmal sehr schwach aus und wartet lediglich mit einem nicht restaurierten Kinotrailer als Bonus auf. Dieser Werbeclip tut auch sehr gut daran, den Film als hysterisches Liebesmelodram für ein weibliches Publikum zu verkaufen, das ebenso gut den Titel »Ich liebte einen Nazi« hätte tragen können. 2011-04-08 09:37

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