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Heartless

GB 2009. R,B: Philip Ridley. K: Matt Gray. S: Chris Gill, Paul Knight. M: David Julyan. P: CrossDay Productions Ltd., May 13, Isle of Man Film u.a. D: Jim Sturgess, Clémence Poésy, Timothy Spall, Eddie Marsan, Noel Clarke, Luke Treadaway, Joseph Mawle, Ruth Sheen u.a.
109 Min. Senator ab 5.1.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Interviews mit Philip Ridley, Jim Sturgess, Noel Clarke, Eddie Marsan u.a., Making of Sequenzen, B-Roll, Audiokommentar mit Regisseur Philip Ridley u.a.

Die dunkle Seite der Macht

Von Frederik König Heartless beginnt als ein düsteres Märchen im London der Gegenwart. Ein junger Fotograph namens Jamie ist Zeuge, wie in seiner Nachbarschaft Gestalten mit dämonischen Fratzen Angst und Schrecken verbreiten, Menschen verbrennen oder verstümmeln. Die Grausamkeiten des Alltags und das um sich greifende Chaos der menschlichen Entfremdung in der Großstadt scheinen vollends außer Kontrolle geraten zu sein. Jamie ist gezeichnet durch ein herzförmiges Muttermal in seiner linken Gesichtshälfte, die ihn zum Gespött seiner feindseligen Umwelt und Außenseiter macht. Er ist das moderne Klischee eines »Phantom der Oper«, das aufgrund seiner äußeren Defizite innerlich umso tugendhafter sein muß. Bald jedoch wird Jamie durch einen plump konstruierten menschlichen Konflikt auf die Probe gestellt: Jamies Mutter wird von den dämonischen Gestalten attackiert und umgebracht. Jamies Zweifel an der Richtigkeit seiner Tugend und Moral manifestieren sich im Kauf einer Waffe und seinem Wunsch nach Rache. Wenig später trifft er auf seinen »Darth Vader«, König Beelzebub höchstpersönlich im Sozialbauhochhaus der Londoner Vorstadt. Der Teufel offenbart ihm, daß er seine Mutter umbringen ließ, um Jamie auf seine »dunkle Seite« zu treiben, und macht ihm ein Angebot, daß Jamie nicht ausschlagen kann: Er lässt auf feurige Art und Weise das Mal in Jamies Gesicht verschwinden und fordert als Gegenleistung ein paar harmlose gotteslästernde Graffitis. Alles läuft zunächst gut. Jamie bekommt das Mädchen, das ihn aufgrund seines Mals einst verschmähte und beginnt ein »schönes« Leben. Doch schon bald muß Jamie feststellen, daß der Höllenfürst wesentlich mehr für sein Geschenk einfordert als erwartet…

Heartless will sehr viel ausdrücken und zusammenbringen, scheitert jedoch beim Versuch, in einer Mischung aus »Die Schöne und das Biest«, »Das Phantom der Oper« und »Faust« eine tiefergehende moralische Botschaft zu vermitteln. Das Problem dieser Mischung beginnt bei der durchgehend recht platten Schwarzweißmalerei, die sich in den Grundkonflikten Gut gegen Böse, Liebe gegen Gewalt, Schönheit gegen Hässlichkeit sowohl erzählerisch als auch ästhetisch über die digital gefilmten und bearbeiteten Bilder wiederfindet. Zur Offensichtlichkeit der Vorbilder, die Regisseur und Drehbuchautor Philip Ridley zu einer langweiligen Melange vermengt hat, kommt deren Vorhersehbarkeit. Wenn man schon zitiert, sollte man zumindest die Pointen der Vorbilder verändern oder brechen, um zu überraschen. Da kann auch der durchgehend pseudophilosophische Dialog, der von einem britischen Phrasendrescher geschrieben worden sein muß, nur noch stärker zum enttäuschten Kopfschütteln beitragen. Und in der Idee der Übertragung klassischer Stoffe in einen modernen Rahmen, die Depression der Großstadt und den Kampf des Individuums in der Gesellschaft, verliert sich Heartless in der endlosen Aneinanderreihung von Klischees und ausgeleierten Symbolen: Jamie zielt mit der Waffe auf ein Bild von Jesus, um seine Abkehr vom »guten« Pfad auszudrücken, der Teufel wohnt im 13. Stockwerk, der farbige Freund von Nebenan war früher in einer Gang… irgendwann ist Schluß.

Schluß. Schluß mit Heartless. Aber der Beginn einer Reise in eine andere Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis. Hier heißt der Hauptakteur »Luke Skywalker« und sein böser Verführer und Mephisto »Lord Darth Vader«. Wir rennen nicht mehr mit Jamie durch Londons Vorstädte, sondern fliegen mit Raumschiffen durchs All. Wenn ich mir schon die Moral von Gut und Böse von einem Film erzählen lassen muß, dann sollte er wenigstens stimmig und originell sein. Und selbst wenn man in Star Wars manchmal das Gummi der Masken und die Fäden der Raumschiffe sieht, wird hier wenigstens ohne aufgesetzte Attitüden erzählt und gefilmt. In diesem Sinne: Kauft Star Wars – Vergesst Heartless! Und möge die Macht mit Euch sein! 2011-02-23 10:45

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