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Filmgeschichte weltweit – Das Jahrhundert des Kinos

16 Filme von 15 Regisseuren: Martin Scorsese, Edgar Reitz, Stephen Frears, Jean-Luc Godard, Nagisa Oshima, Mrinal Sen, Stanley Kwan u.a.
1294 Min. Absolut Medien ab 29.10.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Ex: 36-Seiten Booklet.

Eine Expedition ins Filmreich

Von Julian Bauer »Filmgeschichte Weltweit« – Der Titel der bei Absolut Medien erschienen DVD-Box benennt das gewagte Programm. Zum 100. Geburtstag des Kinos hatte die BBC prominente Regisseure wie Godard, Scorsese und Oshima gebeten, die Filmgeschichten ihrer Länder auf Dokumentarfilmformat zu bringen. So wird nun in 21½ Stunden, in 16 Filmen von 15 Regisseuren die Welt unterteilt in China, Japan, Korea, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Indien, Polen, Skandinavien, Australien, Lateinamerika und last but not least USA. Das Resultat dieser Aufteilung und Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte ist, wie könnte es anders sein, ein gemischtes.

Pathetisch beginnt Martin Scorsese seinen Streifzug durch die italienische Filmgeschichte: »Wenn ich die Filme, über die ich hier sprechen möchte, nicht gesehen hätte, wäre ich ein anderer Mensch und ein anderer Filmemacher.« Schon der Originaltitel »Il mio viaggio in Italia« verdeutlicht die persönliche Prägung der vierstündigen Dokumentation, deren filmhistorischer Fokus sich vor allem auf den italienischen Neorealismus richtet, auf die Filme Roberto Rossellinis. Zu langen Filmausschnitten beschreibt Scorsese aus dem Off seine Filmauswahl: Rossellinis Kriegs- und Nachkriegs-Europa, die chaplinesken Alltagshelden von Vittorio de Sica, Federico Fellinis fantasievolle Filmwelten, Luchino Viscontis opernhafter Sinn für Handlung und Gefühl und Michelangelo Antonionis Chiaroscuro. Am eindrücklichsten gelingt Scorsese die Beschreibung von Viscontis Film Senso (1954). Er spricht über den emotionalen und visuellen Überschwang, über die elegante Choreographie, wie in der Anfangsszene der Rhythmus der Musik Verdis minutiös mit den Gesten der Personen übereinstimmt. Klang, Bewegung, Schnitt werden im selben Takt miteinander verschmolzen und Scorsese spricht über die nahezu monochrome Farbgebung am Ende des Films, über die Verdunkelung der Bilder, die wie in Trauer wirken. Diese reine Künstlichkeit ist für Scorsese kein Verrat am Neorealismus, sondern sie diene Visconti vielmehr als Vehikel zur Wahrheit. Trotz vieler Auslassungen – Provokateur Pier Paolo Pasolini und auch Bernardo Bertolucci bleiben unerwähnt – entwickelt Scorseses Kinoreise einen eigentümlichen Sog und kündet nicht zuletzt von seiner großen Liebe zum Kino.

Ähnlich verhält es sich mit der ebenfalls von Scorsese gestalteten DVD zur Filmgeschichte der USA. Bleibt zwar die Rahmengestaltung ein wenig kitschig-konventionell, so versteht es Scorsese doch auch hier meisterhaft eine persönlich motivierte und doch repräsentative Geschichte des amerikanischen Films zu erzählen. Fokussiert wird neben dem Betrieb Hollywoods und dem Altmeister Griffith vor allem das Genrekino in Gestalt von Western, Gangsterfilm und Musical. Scorsese wählt mit sicherer Hand klassische, atemberaubende, brutale und bildschöne Szenen aus allen drei Genres, die sichtbar werden lassen, was Scorsese selbst aus dem Off verlauten läßt: Mit den Sparten des Genre-Kinos verhält es sich wie mit dem Jazz: Sie enthalten endlose Variationen desselben Themas, die teils bis zur Pervertierung abgewandelt werden und bei allem Hang zu Entertainment und Eskapismus eine Menge über das Amerika ihrer Zeit verraten.

Stig Björkmans Filmgeschichte »I am curious, film« über die skandinavische Filmgeschichte beginnt mit Bergmans Persona; oder besser: sie beginnt als Persona. An der Stelle, in der eigentlich der kleine Junge vor die Leinwand einer zwischen zwei Gesichtern oszillierenden Großaufnahme tritt, kommt Lena Nyman ins Bild. Mit Frack, Fliege und knallrotem Lippenstift und Fingernägeln ist sie eine Art Filmkonzentrat. Lena Nyman führt uns in Interviews und Filmschnipseln durch diese nordeuropäische Erzählung des Films, sie selbst bleibt dabei ausgespart. Einzig der Filmtitel erinnert an ihren Auftritt in den damals aufsehenerregenden Filmen I am curious, yellow und I am curious, blue. In der Rolle des Filmkonzentrats kann sie dann auch Liv Ullman zu ihren Erlebnissen in der Arbeit mit Ingrid Bergman befragen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, daß sie im selben Film (Herbstsonate) mitspielte. Das Alles wirkt ein wenig überzogen. Das affektierte Spiel der Nyman macht den Film dann gemeinsam mit Björkmans stark angelegter Selbstreflexivität zu einem prätentiösen Filmerlebnis: Film über Film im Film. Das hat schließlich auch Auswirkungen auf die Interviews: Die befragten Regisseure und Kameramänner werden Darsteller, die Schauspieler scheinen sich selbst zu spielen.

Das chinesische Kino fokussiert Stanley Kwan aus einem spezifischen und spannenden Blickwinkel: Geschlechterrollen im Film. Der Film ist unterlegt von einem Off-Kommentar des Regisseurs, sehr persönlich und subjektiv, im Gegensatz etwa zu den Scorsese Filmen leider synchronisiert. Dazu montiert Kwan Filmausschnitte, Interviews mit bekannten Regisseuren, persönliche Familienfotos aus den 1950er und 60er Jahren. Fokussiert wird vor allem das Hongkong-Kino, aber auch das Kino der Volksrepublik China und Taiwans. Homoerotik und male bonding im Kung-Fu-Film werden dabei ebenso verhandelt wie die Auswirkungen traditioneller Familienbilder und der sexuellen Befreiung auf den Film.

Während Oshima das japanische Kino ganz um die Entwicklungen rund um den zweiten Weltkrieg rekonstruiert, wird die Geschichte des russischen Kinos monolithisch auf Eisenstein zugeschnitten. Edgar Reitz stellt das Dritte Reich ins Zentrum seiner Erzählung, die vielen Prominenten des Filmgeschäfts, die für ihn die Kommentierung der recht fragmentarisch bleibenden Bilder übernehmen, lassen allerdings den Eindruck eines andauernden geistigen Exils aufkommen: auf dem Gipfel der heimatlichen Geschmacklosigkeit trauert eine faltig gewordene Leni Riefenstahl den guten alten Tagen des deutschen Films hinterher, ein Einspruch läßt auf sich warten.

Das lateinamerikanische Kino dagegen kommt bunt, melodramatisch und tränenreich daher. Zerrissen, pathetisch und selbstreferentiell. In der lateinamerikanischen Cinemathek in Mexiko gucken zwei Männer die alten Melodramen wieder, erklären sie, streiten, verstehen, weinen. Melodram um Melodram. Kino wie Leidenschaft hat gleichermaßen etwas mit Sehnsucht, mit dem sich Entziehenden, mit Obsession zu tun. Auch die große Box zur weltweiten Filmgeschichte weckt gemischte Gefühle, reißt hier in den Bann, verliert sich dort in Details und Anekdoten, weckt Erinnerungen an große Kinomomente und führt weiße Flecken auf der eigenen Weltkinokarte vor Augen. 2011-02-18 12:50

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