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Lost – Die komplette sechste Staffel

USA 2009-2010. R: Jack Bender, Stephen Williams, Paul A. Edwards, Eric Laneuville u.a. B: J.J. Abrams, Jeffrey Lieber, Damon Lindelof, Carlton Cuse u.a. K: John S. Bartley, Michael Bonvillain, Cort Fey, Larry Fong u.a. S: Stephen Semel, Mark Goldman, Christopher Nelson, Mary Jo Markey u.a. M: Michael Giacchino. P: ABC Studios, Bad Robot, Grass Skirt Productions. D: Jorge Garcia, Matthew Fox, Emilie de Ravin, Jeremy Davies, Naveen Andrews, Terry O'Quinn, Yunjin Kim, Evangeline Lilly u.a.
766 Min. ABC Studios ab 2.12.10

Sp: Deutsch, Englisch, Französisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch u.a. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Epilog: Der neue Mann, Der Anfang vom Ende: Wie ein Finale entsteht, Die Reise der Helden aus der Sicht von Stars und Autoren, Wir sehen uns im nächsten Leben, Bruder, Am Set von lost, Pannen am Set, Audiokommentare.

Alles auf Anfang

Von Michael Wedel Die Fernsehsaga um die auf einer geheimnisvollen Insel gestrandeten Überlebenden des Absturzes von Flug Oceanic 815 geht nun auch auf DVD in ihre letzte Runde. Es gilt, das haben Schlußstaffeln so an sich, Abschied zu nehmen von Jack und Kate, Sawyer und Hurley, Jin und Sayid, Juliet und Miles, Ben und Locke – oder etwa nicht? Zeit, zumindest so viel sollten wir aus der Serie doch gelernt haben, ist relativ und läßt sich mit etwas Knobelei und Geschick bequem zurückdrehen.

Als die sechste und letzte Staffel der Kult-Serie Lost im Sommer des vergangenen Jahres in Deutschland ausgestrahlt wurde, raschelte es wenigstens noch einmal kurz in den Feuilletons. Wie seit einigen Staffeln gewohnt, lief der Schlußakt eines der prägenden Beispiele zeitgenössischer US-amerikanischer Fernsehkultur hierzulande auf einem eher abseitigen Privatkanal und damit an der breiten deutschen Öffentlichkeit, die sich für die neue Serienästhetik des sogenannten »Qualitätsfernsehens« weiterhin nicht erwärmen mag, vorbei.

Die Feuilletonisten wollten die Gelegenheit dennoch nicht nutzlos verstreichen lassen, die Macher von Lost an deren Versprechen zu erinnern, am Ende würden alle Fragen gelöst. Davon, so die einhellige Meinung in den Redaktionsstuben und Chatrooms, könne auch nach der Schlußstaffel wohl kaum die Rede sein. Um sich vorzustellen, wie das »Smoke Monster« funktioniert, bleibt nun bis in alle Ewigkeit die Fantasie des Betrachters gefragt (obwohl man durchaus erfährt, wem es gehorcht bzw. wer sich dahinter verbirgt). Schleierhaft bleibt zum Beispiel auch die Begründung dafür, wie Juliet und die anderen die Explosion der Wasserstoffbombe haben überleben können, mit der die Handlung der letzten Staffel ihren Anfang nimmt. Ganz zu schweigen davon, wie plausibel einem die – in der Schlußstaffel durchaus gelieferten – Erklärungen für den »Forever Young«-Faktor bei Richard und Jacob, den Zeitreise-Tourismus von Kate, Jack, Jin und Sawyer, Hurleys und Miles’ heiße Drähte ins Reich der Toten, Lockes postmortale Zweitexistenz als Vehikel für Jacobs bis zum Schluß namenlosen Zwillingsbruder letztlich erscheinen können.

Dennoch – und das ist eben das Wunder, das die Serie vollbringt, sobald man bereit ist, ihre »Mystery«-Anteile ähnlich hoch zu veranschlagen wie ihren »Adventure«-Gehalt – löst die sechste Staffel ein, was der Klappentext auf der DVD-Hülle verspricht: für »einen würdigen Abschluß des gefeierten TV-Ereignisses« zu sorgen. Das liegt vor allem daran, auf welch bemerkenswerte Weise es die Autoren verstanden haben, weniger die Geschichte als vielmehr das der Serie zugrundeliegende Erzählmuster mit einer weiteren, ultimativen Pointe zu versehen, indem sie das Modell der Rück- bzw. Vorausblendenstruktur endgültig in ein komplexes und doch stringentes Geflecht von simultanen »Seitwärtsblenden« transponieren. Es nötigt nicht nur höchste Bewunderung ab, es erzeugt auch höchsten Genuß, mit welcher Konsequenz und Brillanz die traditionelle Erzähltechnik der simultanen Handlungsführung hier zur gekonnten Verschachtelung ganzer Paralleluniversen ausgebaut wird, zwischen denen die Grenzen von Identität und Realität, Raum und Zeit, Leben und Tod sich verwischen. Die Erzähllogik selbst führt den Anspruch auf endgültige Antworten schon allein dadurch ad absurdum, daß aus ihr glasklar hervorgeht, daß zum Beispiel Flug Oceanic 815 sowohl auf der Insel niedergegangen als auch sicher in den USA gelandet ist. Und ganz nebenbei verkehrt die Schlußwendung der Serie auch noch das Motto früherer Staffeln – »live together, die alone« – auf schönste Weise in sein Gegenteil.

Vielleicht hat die Lost-Serie tatsächlich erst mit der vollständigen Veröffentlichung auf DVD zu ihrem eigentlichen Bestimmungsort gefunden. Diejenigen, die Lost immer schon als DVD-Unterhaltung konsumiert haben, werden nichts dagegen einwenden, daß der stärkste Impuls, der von der letzten Episode der finalen Staffel ausgeht, nicht darin bestehen sollte, sich über die vielen offenen Fragen und den Abschied von Kate, Jack, Hurley bis zum Jüngsten Tag zu grämen. Er vielmehr dazu auffordert, in früheren Staffeln nach übersehenen Hinweisen zu suchen und auf diese lustvoll besetzte Weise im »Lost-Universum« zu verweilen. Wer will, kann dies auch damit beginnen, sich für eine Weile mit den Erklärungsansätzen und Deutungsversuchen der beteiligten Stars und Autoren zu amüsieren, die als Bonus-Feature die üblichen »Making of«- und »Pleiten, Pech und Pannen«-Zugaben in diesem Zusammenhang durchaus sinnvoll ergänzen. 2011-01-24 16:46

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