— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Rotes Kornfeld

Hong gao liang. CN 1987. R: Zhang Yimou. B: Chen Jianyu, Zhu Wei. K: Gu Changwei. M: Zhao Jiping. P: Xi'an Film Studio. D: Gong Li, Jiang Wen, Ten Rujun, Chen Zhigang, Dong Kun, Du Guoguang, Hu Xiaoguang, Jia Liu u.a.
88 Min. Arthaus ab 18.11.10

Sp: Deutsch, Cantonesisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Fotogalerie, Trailer.

Farbe als liquidierend

Von Julian Bauer Aus dem Schwarz der Leinwand dringt eine Stimme ans Ohr. Eine Geschichte soll erzählt werden, der man Glauben schenken darf oder auch nicht. Für einen Film, der wie Rotes Kornfeld ideologisch eingefärbt ist, ist eine solche, an den Anfang gestellte Unsicherheit nicht unwesentlich. Eine Stimme aus dem Off – noch ist nichts zu sehen – von einem imaginiertem Außerhalb. Ein Lichtpunkt bildet sich in diesem Schwarz. Langsam wird aufgeblendet und der Schimmer stellt sich als das Weiß eines Auges heraus. Das Auge von der Großmutter (Li Gong), der Erzählerstimme.

Li Gong wird heiraten, verheiratet werden. So sitzt sie in einer Sänfte, getragen von singenden Männern, auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Durch die staubig, rostrote Wüste wandern die sonnengeröteten, von Schweiß glänzenden Männerkörper. Li Gong, im Innern der Sänfte, reißt sich den roten Schleier vom Kopf und offenbart ihr Gesicht für eine Nahaufnahme; umgeben von flirrendem Rot. Doch die Männer fangen an zu ihrem eigenen Gesang zu tanzen und die Sänfte wippt immer heftiger auf ihren Schultern: Das rote Flirren um Li Gongs Gesicht in der Nahaufnahme verstärkt sich. Hier geht es um die Politik der Farbe. Und diese kann brutal werden.

Farbe ist in diesem Film wie ein liquides Etwas, das alle Filmkörper durchdringen zu vermögen scheint, sogar das Zelluloid selbst. Das saftige Grün des Sorghumhirsefeldes, in dem Li Gong von ihrem Verehrer und zukünftigen 2. Ehemann ent- und verführt wird, flirrt und schwimmt, hebt und senkt sich im Slowmotion oder zerfasert zur grünen Fläche, an der die Kamera vorbeirauscht, um Li Gong in Rot zu verfolgen. Überhaupt: Nicht nur Li Gongs Anzug ist rot, ganze Kadrierungen von Nahaufnahmen ihres Gesichts tauchen sich immer wieder ins sonnengefärbte Gegenlicht. Farbe wird aber auch nahezu synästhetisch erfahrbar gemacht, wenn das Spiel einer chinesischen Flöte sich zum roten Schleier, zum roten Sonnenuntergang hinzugesellt. Farbe entflieht der Materialität des Filmbildes, verwischt die Grenze zur Lichttonspur. Durchdringt und überwindet.

So muß die zivilisierte Einführung des Kommunismus durch die junge Witwe (Li Gong), die so gar nichts mit der chinesischen Kulturrevolution gemein hat, nicht zwingend als propagandistisch gewertet werden. Vielleicht ist sie filmisches Utopia oder Sarkasmus. Ganz gewiß ist sie aber filmische Realität. Auch der nationalhistorisch wunde Punkt Chinas, der Einmarsch der feindlichen, japanischen Truppen (deren kinematographische Repräsentationen sich als Bestien auf der Leinwand wiederfinden) erhält durch die Strukturlosigkeit der Farbe, ebenso wie durch ihre strukturübergreifende Form eine andere Wendung. Zwar kontrastiert der Film den sanften Kommunismus der Witwe mit der Brutalität der Okkupationsmacht Japan auf drastischste Weise. Doch verläuft diese Handlung mit der Farbe. Liquidiert sie. Es ist die Farbe, vor allem die rote, die sich durch beinahe jedes Filmbild windet und wendet. Sie ist der liquide Körper, der im Austauschprozeß verschiedener Formen steht, der die Semiotik einzelner Filmbilder unterläuft. Es ist eine rote Zeit. Fleisch, Blut, Wein, Propaganda, Sonne. Mag die Sonnenfinsternis auch noch so »japanisch« gewendet sein, ihr Rot strahlt am Ende »chinesisch«. 2011-01-17 12:03

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap