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Der Prozess

Le procès. F/I/D 1962. R,B,S,D: Orson Welles. K: Edmond Richard. S: Yvonne Martin, Frederick Muller. M: Jean Ledrut. P: Paris-Europa Productions. D: Anthony Perkins, Jeanne Moreau, Romy Schneider, Elsa Martinelli, Suzanne Flon, Akim Tamiroff, Madeleine Robinson, Arnoldo Foà u.a.
114 Min. Arthaus ab 18.11.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Dokumentation Orson Welles – The One Man Band mit bisher unveröffentlichten Kurzfilmen, Skizzen, Gemälden und unvollendet gebliebenen Projekten des Genies (ca. 84 Min.), Dokumentation Orson Welles, Lichtarchitekt, 16-seitiges Booklet, Trailer.

Kein Rosebud, nirgends

Von Michael Wedel Welles meets Kafka. Zwei Ikonen der Moderne im Gespenstergespräch. Seit der Uraufführung des Films scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Begegnung auch auf Augenhöhe stattgefunden hat. Nicht alle Kritiker waren der Meinung, Welles’ Der Prozeß sei dem literarischen Anspruch von Kafkas Roman gerecht geworden. Selbst in das französische Presseecho mischten sich eher skeptische Stimmen. Welles selber hat einmal vom »besten Film« gesprochen, den er je gemacht habe. Wobei man sich bei Welles nie ganz sicher sein kann, ob Bemerkungen wie diese nicht lediglich dazu dienen, den Fluch vom Wunderkind zu bannen: Die Legende vom Frühvollendeten, der mit seinem Erstling Citizen Kane (1941) bereits sein unübertroffenes Meisterwerk abgeliefert hat.

Tatsächlich läßt sich Welles’ knapp zwanzig Jahre nach Citizen Kane unternommene, sehr persönliche filmische Annäherung an Kafkas Parabel auch als Teil eines nie abbrechenden Selbstgesprächs verstehen. Die Hybris von Charles Foster Kane, hinter der Zug um Zug ein bis zuletzt ungestilltes Liebesbedürfnis freigelegt wird, wird hier mit dem kaum weniger labyrinthischen Entwurf eines paranoiden Universums beantwortet, durch das der immer schon verurteilte Protagonist der Kafka-Verfilmung ebenso verzweifelt irrt wie Kane am Ende durch sein selbsterrichtetes Gefängnis von Xanadu. Josef K. = Josef Kane? Zugegeben: Eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Vor allem: Kein Rosebud, nirgends. Und doch verdichtet sich beim Wiedersehen mit dem späteren Film ein Geflecht stilistischer Verweise und thematischer Umkehrungen, die den Erstling wie in einem Kippbild immer wieder aus den grandiosen Architekturvisionen des Kafka-Films hervortreten lassen. Dazu gehört auch die Figur des Rechtsanwalts, den Welles selbst spielt: zumeist vom Bett aus, das vielleicht nicht ganz zufällig jenem ähnelt, aus dem Charles Foster Kane zwanzig Jahre zuvor nicht wieder aufgestanden war.

Wie Jeanne Moreau, die junge Romy Schneider oder auch der wunderbare Akim Tamiroff spielt Welles in seinem Film vor der Kamera nur eine (wenn auch gewichtige) Nebenrolle. Die Hauptfigur des immer schon gegen ihn entschiedenen Schwarz-Weiß-Schachspiels ist Anthony Perkins als Josef K. Zwei Jahre nach Psycho (1960) spielt Perkins bei Welles noch einmal die Rolle seines Lebens. Auf einzigartige Weise nimmt er in seiner nervösen Diktion und seinen tastenden Bewegungen durch die mal grell ausgeleuchteten, mal unheimlich verschatteten Räume des Films jene schauspielerische Psycho-Grammatik wieder auf, mit der er schon Norman Bates zur Unsterblichkeit verholfen hat. Abgesehen davon, daß ihm eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Kafka selbst nicht ganz abzusprechen ist, beschleicht einen zuweilen das Gefühl, auch Norman Bates geht hier in eine zweite Runde, in der man endlich anschaulichen Aufschluß darüber erlangt, wie es in einer Innenwelt ausgesehen haben muss, in der das Gesetz des (mütterlichen) Über-Ichs sein Unwesen treibt.

Die Arthaus-Edition bietet den Film erstmals auf DVD in der ungekürzten Kinofassung. Die Abtastung zeichnet sich darüber hinaus durch eine außerordentliche visuelle Brillanz aus, die den extremen Kontrastreichtum der Schwarz-Weiß-Fotographie hervorragend zur Geltung bringt. Noch selten hat ein filmischer Alptraum so schön ausgesehen. Die Bonus-DVD legt u.a. die Dokumentation Orson Welles – The One Man Band (1995, Kamera: Thomas Mauch) wieder auf, in der die letzte Lebensgefährtin des Regisseurs, die Schauspielerin Oja Kodar, durch Teile des Nachlasses führt und über das unvollendet gebliebene Projekt The Other Side of the Wind berichtet.

Informativer mit Blick auf den Hauptfilm ist ein ebenfalls beigegebenes Interview mit Kameramann Edmond Richard, der über die konkrete Zusammenarbeit mit Welles an Der Prozeß berichtet: Man erfährt Einzelheiten über die Kamera- und Lichteffekte und die Schauspielerführung durch den Regisseur. Die Umsetzung des komplexen Raumkonzepts des Films wird am Beispiel einzelner Szenen genau auseinandergesetzt, die man sich daraufhin gerne ein zweites und drittes Mal betrachtet.

Es ist wie immer bei Welles: Nicht nur der Teufel, der die Annäherung an das Ideal der ursprünglichen filmischen Vision verhindern will, liegt hier im Detail. Auch dem Genius kommt man nur hier auf die Spur. Zu einer Zeit, in der Kafka-Spezialisten immer nachdrücklicher darauf hinweisen, daß sich viele der für den Prager Autor kennzeichnenden literarischen Verfahren auf sein Kinoerlebnis und die Einsicht in spezifische Eigenschaften des neuen Mediums zurückführen lassen, bietet die Doppel-DVD eine ausgezeichnete Gelegenheit, mit Orson Welles’ Der Prozeß jenen Film im Detail neu zu entdecken, der wie kein zweiter versucht hat, seinerseits das Echo Kafkas in Bildern und Tönen auf die Leinwand zurückzuwerfen. 2010-12-31 11:01

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