— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Peacock

USA 2010. R,B: Michael Lander. B: Ryan O Roy. K: Philippe Rousselot. S: Sally Menke, Jeffrey M. Werner. M: Brian Reitzell. P: Cornfield Productions, Mandate Pictures. D: Cillian Murphy, Ellen Page, Susan Sarandon, Josh Lucas, Graham Beckel, Bill Pullman, Keith Carradine, Eden Bodnar u.a.
87 Min. Arthaus ab 4.11.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DD 2.0), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Making of, Cillian Murphys Probeaufnahmen, Geschnittene Szenen, Alternatives Ende, Fotogalerie, Trailer.

Identitätsflirren

Von Julian Bauer Tapete, Interieur; verstaubtes Stilleben. Psychoanalytische Eingangssequenz: Ein Crescendo aus sich überlagernden Erinnerungsstimmen der bösen Mutter aus dem Off, welches sich im vernichtenden »I don’t love you anymore« auflöst. Bilder der landschaftlichen Verwahrlosung folgen; ein Garten, der kein Garten ist. Schließlich die Großaufnahme einer Frau, die keine Frau ist.

Die Frau blickt aus dem Fenster, lugt durch die weiße Spitzengardine, beobachtet die Nachbarn. Ein Blick auf das »wahre Leben« als Fetisch; und wir dahinter im Kinosaal oder vor dem Bildschirm. Eine kluge Dopplung ist die Verquickung von Blick und Begehren doch konstitutiv zur Erzeugung kinematographischer Realität(en). Doch die Subjektive zeigt uns nur verzerrte Gesichter: Unzuordenbarkeiten. Hier stimmt etwas nicht. Und gleichzeitig stimmt hier alles auf jede Sekunde. Die Handlungsabläufe richten sich nach der Uhr. Der Stuhl wird vom Fenster zurück an seinen ursprünglichen Platz gestellt, der durch Abdrücke im Teppich gekennzeichnet ist. Die Frau wird zum Mann (beides überzeugend Cillian Murphy). Der Mann (John) findet nun die liebevollen Zettel »seiner Frau« (Emma) im Hause verstreut, ebenso wie das schon bereitete Frühstück. Die Kamerablicke befinden sich in einem pathologischen Zeitkorsett. Die Zwangsneurose dieser Person(en) ist zwanghaft montiert: Wiederkehrende Filmbilder und –blicke: Beispielsweise die Nahaufnahme einer Uhr oder der Blick zur unheimlich verschlossenen Tür am Ende eines Flures.

So werden eines Tages nicht nur Handlungsabläufe gestört, sondern auch die damit verknüpfte neurotische Montage: Nachdem Emma zufällig von den Nachbarn entdeckt und für Johns Frau gehalten wird, entwickelt sie ein Eigenleben. Das Narrativ der Montage wird durch die Narration gestört, denn das Frühstück ist nicht gemacht, die liebevollen Zettel nicht geschrieben. Der Blick zur Uhr wird hinfällig, regelgeleitete Zeitabläufe gibt es nicht mehr. John hat keine Kontrolle mehr darüber was Emma tut. Gleichzeitig aber dringt hier die dissoziative Identitätsstörung in das Bewußte; nicht nur Johns, sondern auch in das des Kinogängers.

Nicht von ungefähr spielt diese Geschichte von Normen, gesellschaftlichen Zwängen (analog zum psychopathologischen Zwang) und Unterdrückungsmechanismen in den 1950ern. Auch das Rollenspiel von John/Emma wird im starken Korsett der damaligen Geschlechterdichotomien frappant. Und so inszeniert Michael Lander im Verlauf immer wieder Situationsanordnungen wie: Frauen reden unter Frauen oder Männer reden unter Männern. Die Identitätsverschiebungen des janusköpfigen Protagonisten lassen diese Situationen unangenehm erscheinen. Die Person, die wir in der jeweiligen Einstellung sehen (John oder Emma), oszilliert in unseren Köpfen. Eindeutige Metaphern hätten ausgespart werden können. Der innere Kampf wäre auch verständlich gewesen, ohne daß man John über seine Ehefrau sagen hören muss: »She’s not the Boss in me.«

Für einige Augenblicke wird diese Eindeutigkeit eines Kampfes zweier Identitäten aufgehoben. Montage und Bildinszenierung vermögen für die Zeit einiger weniger Filmbilder das, was der Plot des Filmes nicht vermag: Unsicherheiten herstellen. Ein Persönlichkeitsflirren. Plötzlich weichen die Übergänge von John in Emma (und umgekehrt) auf. Die Einleitung fehlt. Wer steht also vor uns, wer ist verkleidet? Wer ist John, wer Emma? Wer ist der Mann, wer die Frau? Der Körper ist plötzlich kein Indiz mehr. Doch der Geschlechterschwindel hält nicht lange an. Der Zuschauer muss ernüchtern. John/Emma muss einen Teil von sich auslöschen. 2010-12-27 09:59

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap