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Arrebato

E 1980. R,B: Iván Zulueta. K: Ángel Luis Fernández. S: José Luis Peláez, José Pérez Luna, María Elena Sáinz de Rozas. M: Negativo. P: Nicolás Astiarraga P.C. D: Eusebio Poncela, Cecilia Roth, Will More, Marta Fernández Muro, Helena Fernán-Gómez, Carmen Giralt, Max Madera, Javier Ulacia u.a.
110 min. Bildstörung ab 26.11.10

Sp: Spanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: _Ivan Z_ – Goya-prämierte Kurzdokumentation über Regisseur Iván Zulueta von 2004 (ca. 50 Min.), Arrebatos – Kurzdokumentation/Making of von 1998 (ca. 55 Min.), Leo es Pardo – prämierter Kurzfilm von Iván Zulueta (ca. 10 Min.), ca. 20-seitiges Booklet.

Film als Droge

Von Carsten Happe »Nur Gott mag wissen, aus welchen Archiven dieses Wunderwerk geborgen wurde«, klebt eine Rolling Stone-Kritik auf meinem Talk Talk-Livealbum »London 1986« – und sie trifft ebenso auf diese DVD-Edition von Arrebato zu, die das famose Label »Bildstörung« nun als neunten Titel seines Repertoires veröffentlicht hat. Der letzte Spielfilm des im vergangenen Jahr verstorbenen Regisseurs Iván Zulueta ist damit endlich in angemessener Form zugänglich und seine raffinierte Komposition verblüfft und fasziniert auch mehr als 30 Jahre nach seinem ursprünglichen, eher unglücklichen Release in wenigen spanischen Kinos.

Auf einen Nenner gebracht, ist Arrebato in erster Linie ein Film über die Obsession des Filmemachens. Gleich zu Beginn versteigt sich der zweitklassige Horrorfilmregisseur José Sirgado zu der kühnen Aussage, nicht er liebe das Kino, das Kino liebe ihn. Es ist eine alles verzehrende Liebe, die das Medium einfordert, vor allem auch ein aktiver Vorgang, der im Verlauf des Films besitzergreifende Züge annimmt. José Sirgado bekommt – dies ist der Auslöser der Narration – ein mysteriöses Päckchen zugeschickt, das eine Filmrolle, ein Tonband und einen Wohnungsschlüssel enthält. Nach anfänglicher Weigerung sich damit zu befassen, taucht Sirgado – und mit ihm der Film – in seine Vergangenheit und den Geisteszustand des Absenders Pedro P., einem begeisterten wie psychotischen Super-8-Filmer, ein, dem das Filmemachen und -betrachten zu einer Art Droge geworden ist, das höchste Verzückung (=Arrebato) wie auch schlimmste Nebenwirkungen der Sucht bedeutet.

Wenngleich in Arrebato neben dem Medium Film auch andere Rauschmittel wie Heroin geradezu exzessiv vorkommen, ist es weniger ein Drogenfilm, schon eher eine Studie über Vampirismus oder die vollkommene Hingabe. An dessen Ende zwangsläufig die eigene Auflösung steht – ob dies nun negativ zu bewerten ist, bleibt jedem selbst überlassen. Meisterhaft arrangiert Zulueta seine verschachtelte Konstruktion verschiedener Zeit- und Bewußtseinsebenen, bis der Film in seiner zweiten Hälfte einen unwiderstehlichen, hypnotischen Sog entwickelt. Aspekte des US-amerikanischen Avantgardefilms von Maya Deren oder Stan Brakhage finden ebenso Eingang in Arrebato wie Elemente des Psychohorrors, wie sie etwa Roman Polanski oder David Lynch kultiviert haben. Ganz gleich, wie autobiografisch Arrebato auch sein mag – wie das äußerst lesenswerte Booklet mehrfach betont – besticht der Film zudem durch seinen universellen Charakter, der den Ballast des gerade überwundenen franquistischen Spaniens beiseite wischt und ihn zu einem zeitlosen Kunstwerk reifen läßt.

Die DVD-Edition von Arrebato glänzt obendrein durch sein sorgsam ausgewähltes Bonusmaterial, daß ein retrospektives Making-Of und ein ausführliches Interview mit Iván Zulueta sowie dessen experimentellen Kurzfilm Leo es pardo umfaßt. Dieses Package erreicht durchaus das Niveau einer »Criterion Collection« und ist jedem Filmfreund, der seine Bildersucht unter Kontrolle hat, nur wärmstens zu empfehlen. 2010-12-24 10:21

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