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Walhalla Rising

Valhalla Rising. DK/GB 2009. R,B: Nicolas Winding Refn. B: Roy Jacobsen. K: Morten Søborg. S: Matthew Newman. M: Peter Kyed, Peter Peter. P: BBC Films, Belle Allee Productions, La NWR Film Productions, Nimbus Film Productions u.a. D: Mads Mikkelsen, Maarten Stevenson, Gordon Brown, Andrew Flanagan, Gary Lewis, Gary McCormack, Alexander Morton, Jamie Sives u.a.
90 Min. Sunfilm ab 5.11.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Exklusives Interview mit Mads Mikkelsen und Nicolas Winding Refn, Audiokommentar, Trailer.

Die Leerstelle als Hauptfigur

Von Eleonóra Szemerey Warum es so ungemein schwer ist zu sagen, worum es in Valhalla Rising geht? Vielleicht, weil es um gar nichts geht. Vielleicht auch, weil es um das Nichts geht. Oder die Nichtigkeit. Warum man ihn dennoch unbedingt sehen sollte? Weil dies so eindringlich geschieht, daß man kaum aufhören kann, sich den Kopf über das Gesehene zu zerbrechen. Weil man doch den Sinn finden will. Und weil man selten so viel schreiende Leere vorgesetzt bekommt, die es zu greifen gilt.

Im Zentrum von Valhalla Rising klafft eine Leerstelle: Ein stummer Fremder mit entstelltem Gesicht, genannt Einauge. An ihm mühen sich die Menschen ab, die ihm begegnen. Vielleicht ist er ihr Schicksal. Vielleicht ist es ihr Schicksal, ihn dafür zu halten. Manchmal hat man den Eindruck, es hätte ihn schon immer gegeben. Manchmal denkt man, es gibt ihn gar nicht. Denn obwohl er vermeintlicher Protagonist und somit Handlungsträger ist, wäre alles auch ohne ihn genau so gekommen, wie es mit ihm gekommen ist. Für die Menschen, denen er begegnet, ist Einauge mal Tier und Dämon, mal Kämpfer und Gott. Gerade so, wie es zu ihren Zielen und in ihre Mythen paßt. Niemand erfährt jemals, was ihn antreibt, wohin es ihn zieht. Vermutlich weiß er es selbst nicht und folgt lediglich seinen blutroten Visionen bis an den Punkt, an dem sich sein eigenes Schicksal erfüllt.

Genau so wenig wie die Hauptfigur den Inhalt von Valhalla Rising transportiert, genau so wenig tun dies die Worte, die darin gesprochen werden, und die Zwischentitel, die ihn scheinbar strukturieren. Die kurzen Sätze, die so selten fallen, verblassen ob ihrer Banalität gegenüber den imposanten Naturaufnahmen. Zumeist könnten sie ganz wegfallen. Und auch die Weissagungen, die die selbsternannten Priester und Propheten verkünden, ertrinken bloß in Lächerlichkeit. Was Valhalla Rising vermitteln soll, vermitteln die Bild- und Tonkompositionen sowie die Montage. Ganze Bände sprechen die statischen Weiten, von vorne bis hinten durchkomponiert, die Menschen nicht anders inszenieren als Bäume oder Berge. Unerhört meditativ kommen sogar die blutigen Kampfszenen daher, Stilleben fast. Und selbst die vermeintlich realen Geschehnisse erscheinen als Visionen, als Fieberträume.

Angespanntes Warten ist allgegenwärtig. Und als sich die selbstauferlegte Mission der Männer, denen sich Einauge zuletzt anschließt, schließlich als Schall und Rauch offenbart, werden nicht etwa große Worte gesprochen. Wenn jegliche Hoffnung stirbt, wenn sich die vermeintlich edle Mission in ihrer ganzen Lächerlichkeit offenbart, dann folgen Bilder aufeinander, in denen Türme aus Steinen in sich zusammenbrechen, in denen ein Gefährte den anderen im Moor ertränkt, in denen der Wind den Nebel über mächtige Berge treibt und der Himmel kippt. Da schwillt die Tonspur, die bis dahin beherrscht war vom Pfeifen des Windes und allgegenwärtigem Raunen, zu ersten Mal zu einem Dröhnen an, zu unheilvollen Gitarrenakkorden, und endet in einem wahnsinnigen Lachen. Momente des Scheiterns in Hochglanz sind das, Eskalation in Zeitlupe.

Dabei ist es unerheblich, ob vermeintlich wilde Heiden oder weltrettende Christen: Sie alle scheitern letztendlich an ihrer eigenen Niederträchtigkeit. Sie alle sind bereit, ihren lebenslangen Freund zu meucheln und den Teufel zum Gott zu erheben, wenn es die Umstände nur erfordern. Die Reise, die die Menschen in Valhalla Rising tun, führt sie letztendlich nirgendwo hin. Vielleicht hat sie auch niemals stattgefunden. Und wenn doch, so hat sie sicher nicht irgendeine religiös vorhergesagte Hölle offenbart, sondern die Abgründe menschlicher Wertlosigkeit.

Valhalla Rising ist ein Abgesang. Auf den Menschen, seine Götter und alle seine Werte. Und somit auch auf jegliche Sinnfindung. Die Reise, die der Mensch in Valhalla Rising tut, dient bestenfalls dem Sinnverlust. Wenn nicht gar der Erkenntnis, daß da niemals so etwas wie ein Sinn gewesen ist. Nur der Mensch und seine Suche. 2010-12-22 10:01

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