Scheibenwischer – Das Beste aus Scheibenwischer

Welche Rolle spielt Satire im Fernsehen? (D 1980), Der Rhein-Main-Donau-Kanal (D 1982), Die Wirkung von Entwicklungshilfe (D 1985), Tschernobyl und die Folgen (D 1986), Helmut Kohl und die Kunst Nachrufe zu schreiben (D 1993), Landtagswahlen in Bayern (D 1994), Geschichten aus dem Wahllokal (D 1998), Volksmusik, Medikamente und Rot-Grün (D 1999).
381 Min. rbb Media ab 24.9.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Portrait Dieter Hildebrandt »Solo für einen Moralisten«, Dieter Hildebrandt erinnert sich… (nach jeder Folge).

Lachen und Begreifen

Von Hagen Triendl Auf die Frage, warum man den vollkommen überteuerten, nutzlosen Rhein-Main-Donau-Kanal überhaupt noch weiterbaue, gibt der schmierige Lobbyist die einzige einleuchtende Antwort: »Weil wir ihn angefangen haben.« Das Publikum lacht. So erheiternd kann die eigentlich doch erdrückende Wahrheit sein. 45 Minuten lang präsentiert Dieter Hildebrandt zusammen mit Gerhard Polt, Gisela Schneeberger und Anderen in der elften Folge des Scheibenwischers die Verschleuderung und Veruntreuung von Staatsgeldern sowie massive Umweltzerstörung (für ein Milliardenprojekt, das Karl der Große einst schon wegen Unsinnigkeit aufgegeben hatte). Und wird nachher nur deshalb nicht verklagt, weil er die gesamte Sendung über nichts anderes als Fakten präsentiert hat. Der Zuschauer amüsiert sich; zumindest so lange, bis das Ausmaß dieses Skandals auch von ihm erfaßt wird.

Auch heute, viele Jahre später, kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus, wenn man sich Das Beste aus Scheibenwischer anschaut. Egal, ob es darum geht, wie der Tschernobyl-verstrahlte Großvater zu entsorgen sei oder wie der perfekte Ausländer auszusehen habe, man lacht und grübelt zugleich. Es ist genau dieser Humor, welcher einem heute wie damals ermöglicht, die politischen Skandale in all ihrem Ausmaß zusammen mit der Ignoranz und Dreistigkeit der Verantwortlichen zu erfassen, ohne zu verzweifeln. Und schmunzelnd nimmt man auch hin, daß oftmals die eigene politische Sichtweise hinterfragt wird.

Dabei ist es unerheblich, daß die Ausstrahlung der Sendungen bis zu 30 Jahre zurückliegt, die ausgewählten Episoden wirken oft noch topaktuell und teilweise ihrer Zeit weit voraus. Der Kanal mag schon längst gebaut sein, die Geschichte vom überteuerten und sinnlosen Großprojekt jedoch hört sich auch heute noch erschreckend vertraut an.

Die DVD-Box mit dem Titel »Das Beste aus Scheibenwischer« ist ein bunter Querschnitt durch das 23 Jahre lang durch Dieter Hildebrandt geführte TV-Format: Acht durch ihn selbst ausgewählte Folgen mit leicht schwankender Qualität, versehen jeweils mit einem Kommentar über seine Erinnerungen zum Umfeld dieser Episoden. Das ebenfalls enthaltene Portrait über Hildebrandt ist dagegen lieblos zusammengezimmert aus fast zehn Jahre alten Aufnahmen und Interviews mit nachgesprochener Audiospur. Die wirklichen Highlights sind natürlich die schon oben erwähnte Folge zum Rhein-Main-Donau-Kanal sowie die acht Tage nach dem Tschernobyl-Unglück ausgestrahlte Folge über den Super-GAU. Als letztere damals im bayrischen Rundfunk nicht ausgestrahlt werden durfte, machte das den Scheibenwischer in der Bevölkerung und den Medien endgültig zur Legende.

Der Scheibenwischer war stets satirisch, aber nie unernst. Er schuf einen befreienden Humor in bitterernsten Themen. Nie wollte er bloß Unterhaltung oder gar Comedy sein. Und als es doch schließlich Anfang 2009 entsprechende Pläne gab, in der Sendung auch verstärkt Comedians auftreten zu lassen, untersagte Dieter Hildebrandt konsequent die weitere Verwendung des Namens bei der ARD. Denn der Scheibenwischer war mehr als nur ein Fernsehprogramm – er war die kontrovers-ironische Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart und stellte damit für eine ganze Generation das humoristische Ventil dar, um die politische Wirklichkeit aufgeklärt ertragen zu können. 2010-12-20 09:49

Medien

 |  |  TV-Tip

© 2012, Schnitt Online

Sitemap