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Nicht böse sein!

D 2006. R: Wolfgang Reinke. K,S: Gines Olivares. M: Christian Steinhäuser. P: Lunochod Film Production.
95 Min. Al!ive ab 12.11.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Bf: 1.78:1 anamorph.

54 m² Kreuzberg

Von Kyra Scheurer Das Auge einer Kamera durchfährt in sensibler Gelassenheit ein Zimmer. Und noch eines. Und noch eines. Drei Namen, drei Bewohner, viele Details, die man nicht gleich zusammensetzen kann. Bad-Utensilien in einem Zimmer, drei Zahnbürsten, Speisereste im anderen, seltsame Lagerstätten. Erst langsam erschließt sich, wer dort gemeinsam 54 Quadratmeter Kreuzberg bevölkert, ein Zimmer, Küche, Bad: Wolfgang, Andi und Dieter – Alki, Junkie und Knasti – und doch eben genau nicht als solche, nicht als soziographische Faktoren der »bildungsfernen Schicht« voyeuristisch abgefilmt, sondern auf Augenhöhe mit viel Solidarität und Gespür für Würde beobachtet und erstaunlich nah und facettenreich porträtiert. Wünsche werden deutlich: Andi träumt von einer größeren Wohnung, Wolfgang davon, mit seinen immer umfangreicheren schriftlichen Konvoluten jemanden zu erreichen, Dieter schiebt den Knastaufenthalt heraus und hofft doch auf den dortigen Zwangsentzug als Chance. Aber auch Aggression prägt das Miteinander: der Kampf jedes Einzelnen mit seiner Sucht und die Konflikte untereinander, die geklauten Pullis, nicht gezahlten Stromrechnungen, Lärm- und Geruchsbelästigungen. Und dann, nach der größten Eskalation, ein einfacher Satz: »Ich kann ihn nicht verhungern lassen«, so einfach ist das manchmal. Schnell abhaken lassen sich weder die im Wortsinn asozialen, ausgegrenzten Protagonisten, noch dieser Film – erstaunlich gut ertragen aber läßt sich diese, den meisten nur von der Seite derer, die in U-Bahnen und auf der Straße um den sprichwörtlichen Euro angehauen werden, bekannte Welt. Und das ist ein ganz wesentlicher Verdienst dieses Ausnahmedokumentarfilms, der zuhört statt zuschreibt, selbstverständlich begleitet statt sezierend untersucht und nebenbei durch die Kamera- und Montagearbeit Raum schafft für zwei wesentliche, zwei in diesem Rahmen alles andere als selbstverständliche Qualitäten: Humor und Poesie. Beschönigt wird nichts, Schönes darf es trotzdem geben: Regentropfen im Hof, Blicke über und durch Kreuzberg, wehendes Wassergras bei einem Ausflug mit Schachspiel und Gitarre – begleitet von unaufdringlicher Filmmusik haben Augen und Ohren immer wieder Zeit, Kraft zu sammeln für die harten Szenen und der Kopf kann fleißig Fragen sammeln, die man sich in unserer Gesellschaft viel häufiger stellen sollte. 2011-01-14 17:15

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.
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