In Wahrheit – die Poesie
Von Werner Busch
Was für einen Wert hat ein Dokumentarfilm über Aberglauben in Rußland, wenn einige der am eindrücklichsten gezeigten Formen von Aberglauben eine bloße Erfindung des Regisseurs sind? In Herzogs
Glocken aus der Tiefe sehen wir zwei Pilger auf einem zugefrorenen See, die bäuchlings über die Fläche kriechen. Einer von ihnen liegt schließlich still, die Hände vor dem Gesicht gefaltet, wie in tiefer Trance scheint er den Glocken aus der Tiefe des Sees zu lauschen, in dem sich der Legende nach eine versunkene Stadt befinden soll. Tatsächlich waren diese Männer auf dem Eis keine Pilger, sondern zwei aufgelesene Betrunkene, die als Statisten eine Szene nachstellen, die sich in der Realität auf diesem See nie abgespielt haben dürfte. Der scheinbar in Trance befindliche Mann war lediglich eingeschlafen.
Herzog hat in seinen dokumentarischen Arbeiten nie ein reines Interesse an der bloßen Faktenlage. Er sucht eine tiefere Wahrheit hinter den Fakten, indem er die vorhandenen stark stilisiert oder sogar selbst herstellt. Erst Imagination führe zur Illumination, er nennt es die »ekstatische Wahrheit«, eine poetische Wahrheit. Ein Wetterbericht über einen Sturm in den Alpen 1802 ist faktisch wahr, aber erst ein Gedicht darüber, sagen wir von Hölderlin, ist wahrhaftig.
»Wahrheit entsteht nicht durch Fakten. Es gibt eine tiefere Schicht an Wahrheit, die nichts mehr mit dem rein Faktischen zu tun hat, sondern mit Imagination, mit kollektiven Träumen, auf das müssen wir hinarbeiten, wenn wir etwas machen wollen, das auf längere Zeit Bestand haben soll.« So formuliert es Herzog in dem exklusiv in dieser DVD-Kollektion befindlichen Interviewfilm
Was ich bin, sind meine Filme – Teil 2 von Christian Weisenborn, der trotz der spürbaren Verbundenheit der beiden Filmemacher auch kritische Töne gegenüber Herzogs Wahrheitsfindungsmethode anschlägt. Im Vergleich zum ebenfalls enthaltenen ersten Teil des Films aus dem Jahr 1979 erleben wir einen deutlich gewandelten Herzog, der heute ungleich offener und freudvoller über seine Arbeit spricht und dabei die große Kunst der Anekdote wie kein zweiter beherrscht. Das dreisprachige, in der Box enthaltene Buch »Ecstasy and Truth« der Filmhistorikerin Grazia Paganelli gibt einen vertiefenden Einblick in die Materie.
Das Filmmaterial wurde neu remastered und mit nicht weniger als zehn Untertitelspuren versehen. Bemerkenswert ist die Auswahl, die in die dokumentarischen Arbeiten auch Herzogs Kurzfilme aufnimmt.
Die ausdrückliche Anwesenheit des Filmemachers, der mitunter selbst zur zentralen Figur neben oder in seinem Gegenstand wird, ist einer der weiteren besonderen Vorzüge der Filme und gleichzeitig auch ein schwerwiegender Kritikpunkt. Die betonte Art der subjektiven Gestaltung und Herangehensweise in Form und Inhalt machen schmerzhaft deutlich, daß Objektivität im dokumentarischen Film eine Illusion ist und das Verschleiern dieser Tatsache, die Herzog dem Cinéma Vérité attestiert, der eigentliche Betrug am Publikum ist. Und nicht der Statist auf dem Eis, der seinen Rausch ausschläft. Seine Poesie der Bilder findet Herzog dabei nicht nur im Extremen, etwa zusammen mit Reinhold Messner im Himalaya, sondern auch im Kleinen und Unscheinbaren, in sehr menschlichen und einfühlsamen Geschichten wie die der taubstummen Fini Straubinger in
Land des Schweigens und der Dunkelheit. Oder in ungenutzten Archivaufnahmen einer Spaceshuttle-Mission, die Herzog zu einem wunderbar-versponnenen eigenen Film machte, der Science-Fiction-Doku
The Wild Blue Yonder: »We thank NASA for its sense of poetry« heißt es im Abspann.
2011-02-02 10:09