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Ernst Jandl: Das Öffnen und Schliessen des Mundes

BRD 1984. R: Rolf Quenzel, Wilfried F. Schoeller. K: Hartmut Fischer, Frank Reich, Werner Sodemann, Fritz Bräutigam u.a. S: Elisabeth Meliss-Gabel, Karin Bastians, Regine Thomas, Sylvia Moehrke. P: Hessischer Rundfunk.
263 Min. Absolut Medien ab 28.5.10

Sp: Deutsch (DD 1.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Booklet.

Noch'n Gedicht

Von Daniel Bickermann Machet auf den Türel, machet auf den Türel, dann kann herein das Jandl. Der unvergessene Sprachakrobat erlebt in dieser Doppel-DVD eine triumphale Wiederkehr, mit der er endlich auch Fragen beantwortet, die man bei der Lektüre seiner Gedichtbände und sogar bei Rezeption seiner Hörkassetten noch nicht mal erahnen konnte. Zum Beispiel diese: Läßt sich ein Saal 45 Minuten lang unterhalten, indem man einfach nur Luft schnappt? In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen saß Ernst Jandl anno 1984 in seinem dünnen weißen Hemd mit weithin sichtbarem Feinripp-Unterhemd, öffnete und schloß den Mund, und siehe: es ward rasend unterhaltsam. Am Anfang war das Wort, und das Wort ward Fleisch und hat unter uns gewohnt. Ein Entertainer vor dem Herrn. Eine Knallcharge auch. Unvergleichlich in jedem Fall.

Sein Mund ist der Ursprung. Ein Schnurren. Ein Kuß ans Publikum. Ein Summen. Stumm. Dann stimmlose Lippengedichte. Ein Gedicht ist nicht vorlesen mit kein weit offenem Mund. Ein Gedicht ist nicht Vorlesen mit kein leicht offenem Mund. M gmdmt mt nmt hmlmsm mm kmm gmhlmhmnm mmd. Der Nase sei Dank. Jandls Gedichte existierten nie wirklich auf dem Papier, höchstens in Notationen, wie Tanztheater für Zähne, Lippen, Zunge. Wie Beckets »Not I«, in dem nur ein Mund eine Logorrhoe an unzusammenhängenden Worten, Atmung und Zungeschnalzen ausspuckt, die am Ende dann doch ein ganzes Leben erzählen. Die Verfilmung davon ist übrigens ebenfalls erschienen in der Filmedition Suhrkamp bei Absolut Medien, in der ähnlich empfehlenswerten Box »Samuel Beckett: He Joe und andere Filme für den SDR«.

Apropos Suhrkamp: Einst schrieb deren Lektor Walter Boehlich an Jandl diese Worte: »Wir erlauben uns, Ihnen Ihre Gedichte wieder zurückzuschicken, da wir uns außer Stande sehen, in diesen puren Wortspielereien irgend einen lyrischen Gehalt zu entdecken. Man kann vieles als Gedicht bezeichnen, diese Stücke aber ganz gewiß nicht.« Insofern ist diese Vorlesungsreihe und letztlich diese DVD-Edition eine ebenso einsichtige wie würdevolle Kehrtwende eines Verlags und einer Sprachnation, die doch noch zu ihren Sinnen gekommen sind und letztlich nicht anders konnten, als sich vor dem vielleicht einzig legitimen Erben Wilhelm Buschs zu verbeugen. Die absurden Anekdoten von Spießersprache und sogar Zensur (die in Jandls Falle nur albern sein kann), die Jandl vor seinem fröhlichen Publikum ausbreitet, treiben seine perfiden Witz dann immer wieder auf die Spitze. Wer eine Vorlesung mit »Das Röcheln der Mona Lisa« überschreibt, zielt dahin, wo's wehtut. »Ich sein Sprachenkunstler, Sprachenkunstler / ich dir zitieren einen Goethen«. Nimm das, Bildungsbürgertum! (Und wie passend auch, geht Jandl doch ähnlich freundlich mit dem »lamm gottes« und seinen Anhängern um wie Goethe, der einst in einem berüchtigten Spottgedicht recht ausführlich von seiner ständigen Erektion beim Anblick eines gekreuzigten Heilands erzählte – auch das ist deutsche Poetiktradition.)

Doch zurück zur DVD: Und welch ein Fest, welch ein Triumph der Sprache! Welch ein Sieg der panpoetischen Weltsicht. Poesie ist alles. Alles ist Poesie. Bild und Ton sind Poesie. Bild ist Poesie halb. Ton ist Poesie halb. Einatmen und Ausatmen. Leben ist Poesie halb. Sterben ist Poesie halb. Poesie ist Poesie. Dazu Biographisches. Dazu Jandls virtuoses Umwälzen, Verschlucken und Erbrechen der kompletten deutschen Lautgedichttradition (unter besonderer Berücksichtigung des ebenfalls geistesverwandten Kurt Schwitters) in seinem unnachahmlichen Duktus. Duktus. Didaktus. Rhythmus. Duktus. Duk. Dukduk. Ktus. Ktus. Du. Ktus. Du. Duu. De. De. Dede. Devaude. Devaudevaude. Doppeldevaude. Mehr als vier Stunden Material der Vorlesungen ist hier enthalten, und obwohl eine abgefilmte Vorlesung selten cineastischer Hochgenuß ist, muß man das gesehen haben, um es zu glauben. Welch eine Erinnerung an diesen Sprachgiganten, welch eine Würdigung der Kunst des kalkulierten Wahnsinns, und vor allem: welch ein riesiger, irrer, beschwingter, endloser Spaß. 2010-12-10 15:57

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