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Mysterious Skin

USA/NL 2004. R,B,S: Gregg Araki. K: Steve Gainer. M: Harold Budd, Robin Guthrie. P: Antidote Films, Desperate Pictures. D: Brady Corbet, Joseph Gordon-Levitt, Michelle Trachtenberg, Jeffrey Licon, Bill Sage, Mary Lynn Rajskub, Elisabeth Shue, Chase Ellison u.a.
105 Min. I-ON New Media ab 24.9.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Schatten auf der Seele

Von E.F. Kaeding Es ist ein Tabu-Thema, mit dessen offener Darstellung viele immer noch nicht umzugehen wissen: Sexueller Mißbrauch von Kindern. Der Film Mysterious Skin (2004) des US-amerikanischen Regisseurs Gregg Araki ist diesbezüglich keine Ausnahme. Die Australian Family Association forderte, dem Film die Freigabe zu entziehen, nachdem ein Mitglied die Zusammenfassung des Films gelesen hatte und die Befürchtung äußerte, der Film könne Pädophilen als Anleitung zur Kinderschändung dienen. Unter dieser Voraussetzung, bemerkte daraufhin ein australischer Journalist, könnte man Mel Gibsons The Passion of the Christ auch als Gebrauchsanweisung zum Kreuzigen verstehen. Ein Schlagabtausch, der das ganze Ausmaß der Problematik offenbart, die dem Thema Pädophelie nach wie vor entgegengebracht wird. Anstatt die Inhaltsangabe zu überfliegen, hätte sich die gesamte Belegschaft der Australian Family Association den Film anschauen sollen. Denn mit Mysterious Skin ist Gregg Araki eine so einfühlsame wie unverblümte Studie über die Folgen von Kindesmißbrauch gelungen.

Der Film beginnt im Sommer 1981 in einem Provinznest namens Hutchinson, Kansas. Der acht Jahre alte Brian Lackey (George Webster) wacht eines Tages im Keller mit Nasenbluten auf, ohne sich an den Grund für die Verletzung zu erinnern. Alles, was er weiß, ist, daß er vorher beim Baseballspiel der Little League auf der Bank saß. »Was danach passierte ist wie ein schwarzes Loch. Ich hatte einen Blackout von fünf Stunden. Fünf Stunden einfach so verloren, ohne jede Spur,« sagt er am Anfang des Films. Zehn Jahre später ist Brian (Brady Corbet) überzeugt, er sei damals von Außerirdischen entführt worden. Nur so kann er sich die Alpträume und das immer noch auftretende Nasenbluten erklären. Auf der Suche nach den verlorenen fünf Stunden trifft er auf Neil (Chase Ellison), mit dem er gemeinsam in der Little League Baseball spielte. Neil, als Teenager von Joseph Gordon-Levitt gespielt, lebt mittlerweile in New York. Auch ihn prägt ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit. Doch während Brian seine seelische Erschütterung mit einer Fixen Idee über Aliens überlagert, weil die Erfahrung für ihn als Kind zu groß, zu abstrakt war, um verarbeit zu werden, und zu einem schüchternen Jungen heranwächst, lebt Neil sein Trauma aus. Er verdient sich sein Geld als männliche Prostituierte in Kneipen, Parks und auf Autobeifahrersitzen. Realität und Emotionen prallen an ihm ab, wie an einer zweiten Haut. Weder seine beste Freundin (Michelle Trachtenberg) noch die brutale Mißhandlung durch einen Freier dringen zu ihm durch. Als Neil für Weihnachten nach Kansas zurückkehrt und Brian ihn aufsucht, fügen sich die verzerrten Bilder aus ihrer Vergangenheit zu einem Ganzen zusammen. Im verlassenen Haus ihres Little League Baseball Coachs (Bill Sage) fluten die dort erlebten Ereignisse zurück an die Oberfläche.

Mysterious Skin basiert auf dem semi-autobiographischen Debütroman Scott Heims. Adaptiert von Araki, der einer kleinen Fangemeinde vor allem auf Grund seiner »Teenage Apocalypse Triology« Totally Fucked Up, Nowhere und The Doom Generation bekannt ist: Filme, die schockieren, um des Schockierens willen, über desillusionierte Jugendliche, Drogen, Sex und Gewalt. Mysterious Skin ist nicht weniger erschütternd als seine Vorgänger. Doch anstatt schriller Schockmomente ist es diesmal eine konstante Druckwelle, die durch den Film rollt und den Zuschauer am Ende in einer emotionalen Grauzone zurückläßt, zwischen Begeisterung über die filmische Umsetzung des Themas und aufgewühlt angesichts des Inhalts.

Der Film ist kein Hollywood-Thriller, indem Jagd auf den Baseballcoach als pädophiles Monster gemacht wird. Der Regisseur schwingt nicht die Moralkeule oder stilisiert die beiden Jungen zu bemitleidenswerten Opfern. Araki zeigt den Verlauf und die Auswirkungen sexuellen Mißbrauchs ohne zu Werten. Brian und Neil wachsen auf, werden älter, aber immer nur unter der Voraussetzung der Ereignisse im Sommer ´81. Jeder verdrängt sie auf seine Weise und doch verfolgt es sie fortwährend. Der Vorfall legt sich wie ein Schatten über die Selbstfindung der Jungen, über ihre Wahrnehmung und ihr Leben. Das Resultat ist einer der besten Filme, der je über Kindesmißbrauch und dessen Auswirkungen auf die Opfer gedreht wurde. Ein kleines Meisterwerk, aus dem schauspielerisch besonders Joseph Gordon-Levitt hervorsticht, und das mit Elisabeth Shue, Chris Mulkey (Twin Peaks, Boardwalk Empire) und einem wunderbar hinfällig aussehenden Billy Drago als aidskranker »Zeke aus L.A.«, bis in die Nebenrollen blendend besetzt ist. 2010-12-08 12:52

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