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True Blood – Die komplette zweite Staffel

True Blood – Season 2. USA 2008. R: Michael Lehmann, Scott Winant, Daniel Minahan, John Dahl u.a. B: Alan Ball, Charlaine Harris, Alexander Woo, Brian Buckner u.a. K: Matthew Jensen, Romeo Tirone, John B. Aronson, Checco Varese u.a. S: Michael Ruscio, Louise Innes, Andy Keir, Peter B. Ellis u.a. M: Nathan Barr. P: Your Face Goes Here Entertainment, Home Box Office (HBO). D: Anna Paquin, Stephen Moyer, Sam Trammell, Ryan Kwanten, Rutina Wesley, Chris Bauer, Nelsan Ellis, Jim Parrack u.a.
645 Min. Warner ab 24.9.10

Sp:  Englisch (DD 5.1) Deutsch, Spanisch Polnisch, Tschechisch (DD 2.0) Ut: Englisch (für Hörgeschädigte), Deutsch, Spanisch, Polnisch, Tschechisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Programme »Der Vampir-Report: Sonderausgabe« und »Fellowship of the Sun: Laß Dich erleuchten«, sieben Audiokommentare von Stab und Besetzung.

Teufel im Sonntagshut

Von Christian Simon Da braucht man nicht groß drumherum reden. Alan Balls True Blood ist eine der interessantesten, wenn nicht eine der besten Serien zurzeit. Man sollte sich nicht von dem Eindruck täuschen lassen, daß Vampire gerade sehr in Mode sind, aber natürlich darf der Kontext nicht unerwähnt bleiben. Dieser Tage, wo sogar das deutsche Kino mit Wir sind die Nacht seinen Beitrag im Rennen hat, ist es unmöglich, einen Text über eine erfolgreiche Vampir-Serie zu schreiben, ohne sich auf die Twilight-Filme zu beziehen. Insbesondere, wenn der Hauptdarsteller der zu besprechenden Serie die Hauptfigur jener Twilight-Reihe zu Staffelbeginn als »Slim-Fast Diätcola« unter den Vampiren bezeichnet hat oder zumindest in der, nennen wir sie mal Fachpresse, so zitiert wurde. Der Musiksender MTV nahm jenen Ausspruch von Schauspieler Stephen Moyer jedenfalls zum Anlass, einen »Kampf der Vampire« zwischen Twilight und True Blood auszurufen. Glitzernde PG13-Teeniehelden auf der einen Seite, HBO-produzierte Sex und Gewalt des Six Feet Under-Schöpfers auf der anderen. Das ist letztlich natürlich eine Frage der Zielgruppe, aber auch eine der Herangehensweise an das Genre.

True Blood entwirft, nun schon über drei Staffeln hinweg und basierend auf den Büchern von Charlaine Harris, eine nahfuturistische Gesellschaft, in der Vampire dank synthetischem Blut unter Menschen leben können. Die erste Staffel bot eine ausführliche Einführung in einen übersichtlichen Ausschnitt dieser neuen Gesellschaft, die Kleinstadt Bon Temps in Louisiana, welche anhand der Hauptfigur Sookie Stackhouse (Anna Paquin) zugänglich wurde. Nach und nach traten in verschiedenen, parallel erzählten Storylines Geheimnisse zu Tage, bis die Welt, wie die Beteiligten sie zu kennen glaubten, zunehmend auf den Kopf gestellt wurde. Dramatisch bewerkstelligt wurde dies mit einem Krimi-Plot um eine Mordserie in Bon Temps, der eine differenzierte Betrachtung einer Vielzahl an Figuren und ihrer Hintergründe ermöglichte.

Was es so schwer machte, der meist in ruhigem, nahezu in Echtzeit-Tempo erzählten Geschichte zu widerstehen, war die dramaturgische Konzeption der Serie als solche. Selten arbeiteten Cliffhanger zu Episodenende so zuverlässig effektiv. Die zweite Staffel schließt hierbei nahtlos an die erste an und führt das Konzept konsequent fort. Der Rahmen der Geschichte bleibt nach wie vor der Liebesgeschichte um Sookie und Vampir Bill (Stephen Moyer) vorbehalten sowie der Selbstfindung Taras (Rutina Wesley) und den Eskapaden von Sookies Bruder Jason (Ryan Kwanten). Ins Zentrum rücken jedoch neue Storylines, die im Laufe der ersten Staffel eingeführt oder nur angerissen wurden: jene um »Fangtasia«-Besitzer Eric Northman (Alexander Skarsgård); jene um die mysteriöse Maryann (Michelle Forbes), die in Bon Temps auftauchte und die vor ihrer Mutter geflohene Tara aufnahm; und jene um die Anti-Vampir-Kirche »Fellowship of the Sun« des Ehepaars Newlin (Anna Camp, Michael McMillian), die bisher nur auf den Fernsehgeräten zu sehen war.

Die TV-Ausstrahlung im vergangenen Jahr wurde durch ein breites Angebot an extratextuellem Material begleitet, darunter eigens produzierte YouTube-Clips und Websites, das, soweit möglich, den Weg auf die DVD gefunden hat. Auch steht dort der 45-minütige fiktive Report »The Perspektive« aus dem serieninternen TV-Programm als liberaler Gegenpart zu den ebenfalls vertretenen »Laß Dich erleuchten«-Kampagnen der »Fellowship of the Sun«-Kirche. Allein der Blick in das Bonusmaterial verdeutlicht den Schritt, den True Blood zur zweiten Staffel weiter in Richtung Gesellschafts- und Medienkritik machte. Der Blick wird weiter gefaßt. Es wird zu einem Rundumschlag ausgeholt, der auch erstmals ein Überschreiten der Grenzen des Mikrokosmos Bon Temps erfordert. True Blood wird mutiger, auch was die Handlung betrifft, die ein deutlich angezogenes Erzähltempo kennzeichnet und sich gelegentlich, aber dann ordentlich ins Absurde wagt. Die eigenwillige, unbehagliche Atmosphäre aus Tragik, Gesellschaftskritik und bösem Humor resultiert aber durchaus in Handlungssträngen, in denen an Angst, Folter und Brutalität wenig unmöglich scheint. Grund hierfür ist eine psychologische Unruhe in True Blood, die aus einer Welt hervorgeht, in der nichts gut ist, aber vieles gut scheint. Diese Konstellationen, zwischen Hoffnung und Zu-gut-um-wahr-zu-sein, sucht die Handlung – Sookie und Bill einmal ausgeklammert – auf allen Ebenen und offenbart beim Blick hinter die Kulissen stets bittere Enttäuschung, stets das schlimmste anzunehmende Szenario, stets die Hölle auf Erden. Oder, wie Tara es schon Ende der ersten Staffel angekündigte: »It’s Satan in a Sunday hat.«

True Blood ist eine der wenigen Serien – darin konzeptionell vielleicht vergleichbar mit Nip/Tuck – in denen schlichtweg alles passieren kann. Zweifellos ist dies auch dem Programmformat von HBO geschuldet, das sich außerhalb der kontrollierten US-Fernsehlandschaft bewegt. Die Welt von True Blood ist jedoch nicht nur eine, in der man ungestraft »Shit« und »Fuck« sagen darf. Das wäre zu einfach. Es geht um die Befreiung von konventionellen Handlungsstrukturen, um die charakterbezogene Auslotung von Gut und Böse, um eine selbst- und genreironische Diskussion um Schein und Sein. Daß es dank dem skurrilen, mitunter trashigen Humor schonmal wirkt wie Buffy – Im Bann der Dämonen unter Zuhilfenahme von literweise Kunstblut, macht durchaus den Reiz der zweiten Staffel aus. Man kann dies romantisieren und darin eine Form erzählerischer Anarchie finden oder auch nüchtern festhalten, daß HBO jede einzelne seiner Freiheiten als Pay-TV-Sender mal geschickt, mal brachial ausnutzt, um Sex und Gewalt unter die Leute zu bringen. Doch ist True Blood zu allererst intelligent geschriebene und doppelbödig konzipierte Unterhaltung. Und erst an zweiter Stelle blutrünstig. Was allerdings den »Kampf der Vampire« angeht, da hat wohl jede Zielgruppe ihre eigene Meinung. Eines aber läßt sich mit Sicherheit sagen: In der Welt von True Blood mögen die Dinge selten sein, was sie vorgeben. Aber zumindest glitzern sie nicht wenn die Sonne drauf scheint. 2010-12-03 17:00

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