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The Big Bang Theory – Die komplette zweite Staffel

The Big Bang Theory – Season 2. USA 2008. R: Mark Cendrowski. R,S: Peter Chakos. B: Chuck Lorre, Bill Prady, Eric Kaplan u.a. K: Steven V. Silver. P: Chuck Lorre Productions, Warner Bros. Television. D: Johnny Galecki, Jim Parsons, Kaley Cuoco, Simon Helberg, Kunal Nayyar, Sara Gilbert, Summer Glau, Riki Lindhome, Christine Baranski u.a.
462 Min. Warner ab 24.9.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Englisch für Hörgeschädigte, Deutsch für Hörgeschädigte. Bf: 1.78 anamorph. Ex: Making Ofs, Verpatzte Szenen.

Urknalltüten

Von Nils Bothmann Die Figur des Nerds hat mittlerweile eine Umdeutung erfahren. In den meisten Filmen der 1980er Jahre, vor allem den Highschoolkomödien, da mußten die Nerds und Loser erst zu coolen Typen umgestylt werden, ehe man sie anerkannte – andernfalls blieben sie Randfiguren und Freaks, die von den Filmen meist ausgestellt wurden. Mittlerweile ist ein Paradigmenwechsel eingetreten, der Nerd ist als Bastion des Individualismus anerkannt, Figuren wie Napoleon Dynamite werden verehrt, während man sie noch vor zwanzig Jahren einfach für bekloppt erklärt hätte. Doch Autoren und Filmemacher wie Kevin Smith, Nick Hornby und Judd Apatow haben mittlerweile bewiesen, daß die (meist männlichen) Nerds als Identifikations- und Hauptfiguren taugen, in The Losers wurde dieser Menschenschlag sogar jüngst als Actionheld präsentiert, als ausgerechnet Schönling Chris Evans mit Brille, Igelschnitt und Nerdgebaren in der Rolle des Jensen auftrat. The Losers blieb an der Kinokasse allerdings hinter den Erwartungen zurück, ähnlich wie die großen Nerdfilme des Jahres, Kick-Ass und Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt.

Im Fernsehen allerdings ist die artverwandte Sitcom The Big Bang Theory ein ganz heißes Eisen, ein Quotenrenner – und wird dem Hype absolut nicht gerecht. Physiker-Geeks als Hauptfiguren, das ist ungewöhnlich; die zugrundeliegende Idee allerdings die Urphantasie aller Nerds: Das blonde Gerät von nebenan klarzumachen. Das war Leonard, dem gemäßigsten Nerd aus der Runde, zu der noch der weltfremde Pedant Sheldon, der schüchterne Inder Raj und der großmäulige Jude Howard gehören, am Ende von Staffel eins gelungen, als er endlich eine Chance bei der von ihm angehimmelten Nachbarin Penny erhielt. Staffel zwei kehrt allerdings bereits in der ersten Folge wieder zum Status Quo zurück, was symptomatisch für die Serie ist: Großartige Entwicklungen und folgenübergreifendes Erzählen gibt es höchst selten, weshalb man problemlos mehrere Folgen verpassen und dann wieder in die Serie einsteigen kann. Das mag ja zuschauerfreundlich sein, läßt The Big Bang Theory dann aber doch recht rückständig neben einer Serie wie How I Met Your Mother aussehen, die beweist, daß auch das als simpel verschriene Genre der Sitcom Ansatzpunkte für narrative Komplexität bietet. Von den erzählerischen Experimenten eines How I Met Your Mother, das Folgen auch mal achronologisch oder aus mehreren Perspektiven erzählt, ist bei The Big Bang Theory jedenfalls meilenweit entfernt.

Was nicht bedeutet, daß The Big Bang Theory eine schlechte Sitcom wäre. Durch die typische Sitcom-Länge sind die einzelnen Folgen ein idealer Zeitvertreib, wenn man zwischendurch mal 20 Minuten totzuschlagen hat, manche Episoden sind sogar mit brillantem Timing geschrieben worden, in der zweiten Staffel wären vor allem Folge 5 (»The Euclid Alternative«) und Folge 17 (»The Terminator Decoupling«) zu nennen. Jede Episode trägt einen (pseudo-)wissenschaftlichen Titel, die den jeweiligen Inhalt wiedergibt, ein extra engagierter Physikprofessor garantiert die Korrektheit der vorgetragenen wissenschaftlichen Fakten, wie das Making of auf der DVD verrät. Oft wird der Alltag der vier Forscher thematisiert, noch häufiger ihre (natürlich nerdigen) Hobbys und Eigenheiten – gerade aus den Marotten des hochintelligenten und sozial komplett inkompetenten Sheldon, brillant gespielt von Jim Parsons, können die Autoren ganze Folgen stricken. Das ist durchaus amüsant, eine Abwechslung zu den Unmengen von Sitcoms über Großfamilien am Rande des Wahnsinns, zeigt aber auch auf, daß The Big Bang Theory mit Freude auf der Stelle tritt: Man kann ständig neue Nerdbeschäftigungen und neue Spleens für die Figuren erfinden, muß sich also nicht weiterentwickeln. Zudem verläßt sich nahezu jede Sitcom auf Running Gags und Wahlsprüche der Figuren, The Big Bang Theory walzt diese allerdings gnadenlos aus: Sei es Rajs Unfähigkeit mit hübschen Frauen zu sprechen, Howards peinliche Anmachversuche oder Sheldons dauernde Besserwisserei – kaum eine Folge vergeht, ohne daß diese Eigenheiten dem Zuschauer geradezu ins Gesicht gerieben werden.

Warner präsentiert die 23 Folgen der Staffel im platzsparenden Amaray mit vier DVDs, auf der letzten befinden sich noch zwei kleine Making ofs und verpatzte Szenen als Bonusmaterial. Wer nach einem ganz amüsanten Vergnügen ohne großen Suchtfaktor sucht, egal ob Nerd oder nicht, der ist mit der zweiten Staffel der von Chuck Lorre und Bill Prady erdachten Urknalltheorie ganz gut beraten. Nur dem Hype, dem wird die Serie eben nicht gerecht. 2010-11-05 12:42

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