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The Runaways

USA 2010. R,B: Floria Sigismondi. K: Benoît Debie. S: Richard Chew. P: River Road Entertainment, Linson Entertainment, Road Rebel, Runaway Productions. D: Kristen Stewart, Dakota Fanning, Michael Shannon, Stella Maeve, Scout Taylor-Compton, Alia Shawkat, Riley Keough, Johnny K. Lewis u.a.
102 Min. Capelight ab 22.10.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Making Of, Audiokommentar Kristen Stewart, Dakota Fanning, Joan Jett, Kinotrailer.

Almost Infamous

Von David J. Lensing Männer wollen Frauen in der Küche oder auf ihren Knien sehen – aber nicht mit E-Gitarren auf der Bühne. Harte Worte für ein 15-jähriges Mädchen, das von einer Karriere als Sängerin träumt. Immerhin bekommt die platinblonde Cherie Currie (Dakota Fanning) diesen Satz nicht von ihrem Vater um die Ohren gepfeffert, sondern vom abgedrehten Musikproduzenten Kim Fowley – wie immer grandios gespielt von Michael Shannon (siehe Zeiten des Aufruhrs). Wenn man dessen irren Blick sieht, möchte man die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Mädchenrockband »The Runaways« durch seine Augen erleben, denn diese Perspektive scheint faszinierend zu sein. Doch was auch immer es ist, das Fowleys Augen lodern läßt – entweder es bleibt dem Zuschauer verborgen, oder es ist tatsächlich nur die erotisch aufgeladene Hülle von etwas, dessen Innenleben bei der halbgaren Provokationslust auf der Strecke bleibt.

Die gestandene Musikvideo-Regisseurin Floria Sigismondi hat sich daran verhoben, das Genre zu wechseln, ihr unbestrittenes Talent von drei Minuten auf drei Akte auszuweiten und zudem noch ein neues Fach zu erschließen: das Drehbuch. Sie setzte Stars wie David Bowie und Insider wie Sigur Rós mit eigener Handschrift und viel Einfallsreichtum in Szene – büßt jedoch beides ein, als es nun darum geht, statt des Hits einer Band deren Werdegang zu verfilmen. Dabei ist Sigismondis Spielfilmdebüt kein Totalreinfall. Es leidet nur an zwei Mankos, die gepaart eine böse Wirkung haben: Langeweile. Schwachpunkt Nummer Eins sind die Dialoge, die sich von einer Klischee-Floskel zur nächsten hangeln. Sätze wie »die Band ist jetzt deine Familie« und »die Musik ist mein Leben« müssen nicht mehr gesagt werden, um die Botschaft zu vermitteln. Absoluter Drehbuch-Tiefpunkt ist das Telefonat zwischen Cherie Currie und ihrem Rabenvater, der sie an ihrem Geburtstag sitzen läßt. Diese Art von holprigem Wortwechsel hat man schon zu oft gehört – und sie tut immer noch weh in den Ohren.

Zweitens beschränken sich die visuellen Schauwerte des Films auf eine liebevolle Ausstattung der 70er-Jahre-Settings und die zuweilen reizvollen Kostüme der minderjährigen Gören. Kamera und Schnitt arbeiten lückenlos nach Schema F und lassen jeglichen Regieeinfall vermissen. Ein einziges Mal traut sich Sigismondi den Schnitt von einem Bandmitglied, das in der Badewanne abtaucht, auf eine traumhafte Unterwasseraufnahme, die das Gefühlschaos des Mädchens wiederspiegelt. Und die in nahezu jedem Musikfilm so beliebte Sequenz, die den raschen Aufstieg eines Newcomers in Form einer bunten Bildermontage mit Schlagzeilen und Showschnipseln zeigt, wird denkbar uninspiriert abgespult (wie es besser geht, zeigte Tayler Hackford in Ray). Hinzu kommt, daß die wenn auch authentische so doch üble Gossensprache der »kleinen Schlampen« konträr zum Gezeigten steht, denn sobald es vor der Kamera zur Sache geht, wird geschwenkt und geschnitten, um die (hierzulande) Freigabe ab 12 zu gewährleisten. Masturbation unter der Dusche, lesbische Liebesszenen und Drogenexzesse weiß Sigismondi anzudeuten, ohne dabei den Blick auf ihre Zielgruppe zu vergessen: Nicht etwa Männer, deren erotische Fantasien eher angeteasert als befriedigt werden, sondern junge Mädchen – insbesondere Twilight-Fans. Wie läßt sich ein mittelmäßiger Film besser bewerben, als mit den Stars der Twilight-Saga, die auf dem DVD-Cover als eben diese groß angepriesen werden? Neben Dakota Fanning ist das Kristen Stewart, nicht etwa bekannt als die Sarah aus Panic Room oder die Tracy aus Into the Wild, sondern natürlich als Bella. Allerdings fällt es ihr nicht schwer, sich von dem Etikett zu lösen: Stewarts Darstellung der heute noch rockenden Joan Jett ist durchweg gegen den Strich und überzeugend. Es kommt gar der Verdacht auf, ein Film rund um diese Protagonistin hätte besser funktioniert, als die Leadsängerin Cherie Currie in den Fokus zu nehmen. So wie Kim Fowley »The Runaways« nach der Bandauflösung als ein konzeptionelles Rockprojekt bezeichnet, kann man diesen Film getrost als konventionelles Projekt beschreiben, mangels Ideen und dramaturgischer Tiefenschärfe schnell vergessen. 2010-10-25 09:50

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