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The Firm – 3. Halbzeit

The Firm. GB 2009. R,B: Nick Love. B: Al Ashton. K: Matt Gray. S: Stuart Gazzard. M: Laura Rossi. P: Vertigo Films. D: Paul Anderson, Calum McNab, Daniel Mays, Doug Allen, Joe Jackson, Richie Campbell, James Kelly, Jaf Ibrahim u.a.
90 Min. Ascot Elite ab 19.8.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Originaltrailer, Interviews, Beim Dreh, Trailershow.

Ein Händchen ohne Fingerspitzengefühl

Von Patrick Hilpisch Wer denkt, The Firm hätte sich den Titel von Sydney Pollacks Grisham-Verfilmung geklaut, der liegt falsch. Nick Loves fünfter Spielfilm ist das Remake einer TV-Produktion aus dem Jahre 1988. Alan Clarke, der mit Scum einen erschreckend brutalen und realistischen Film über die Zustände in britischen Jugendstrafanstalten gedreht hatte, warf im Original einen ähnlich veristischen Blick in die Seele eines Hooligans.

Bexy, ein verheirateter, gut situierter Immobilienmakler, führt in seiner Freizeit eine Horde von Hooligans an. In blutigen Schlachten mit anderen »Firmen«, wie die Fußball-Fanatiker ihre Gruppen nennen, sucht er nach Kicks und Anerkennung. Die Gewalt bereitet ihm Lust, bietet eine willkommene Gelegenheit, um dem reglementierten Alltag zu entfliehen und sich den Respekt der »Firmen-Mitglieder« zu verdienen. Bexy gibt sich diesem Hobby voll und ganz hin, vernachlässigt seine Familie und prügelt sich unaufhaltsam seinem Untergang entgegen.

Nick Love war früher selbst ein Hooligan. Clarkes Film stellte für ihn, nach eigenen Aussagen, eine Art Offenbarung dar. Nachdem er »The Firm« gesehen hatte, so Love im Interview, sei in ihm der Wunsch gewachsen, selbst Filme zu machen. Da er mit The Football Factory bereits das Thema Fußballgewalt und die damit verbundene männliche Subkultur abgehandelt hatte, wollte er jedoch, als man ihn auf den Regiestuhl für das Remake bat, andere Akzente setzen.

In seiner Version verbindet er die Originalstory um Bexy und seinen Antagonisten Yeti mit einer Coming-of-Age-Geschichte. Im Zentrum steht Dom, der noch bei seinen Eltern wohnt und bei seinem Vater als Aushilfe »auf dem Bau« arbeitet. Durch einen Zwischenfall in einer Disco stößt er auf Bexy, dessen toughe Art und Lebensstil ihn direkt zu faszinieren scheinen. Da Dom alles andere als auf den Mund gefallen ist, wird er schnell in die Firma aufgenommen. Er trägt jetzt nur noch teure Trainingsanzüge, die er sich eigentlich nicht leisten kann, und hängt mit seinen neuen Freunden ab. Seinen ehemals besten Kumpel schneidet er. Doch als der nächste Straßenkampf mit einer anderen Firma ansteht, kommen Dom Zweifel. Und er erlebt zum ersten Mal die Dynamik der Gewalt und den hierarchischen Druck innerhalb der Hooligan-Clique.

Love macht in The Firm vieles richtig. Mit einem guten Auge für Details läßt er den Zeitgeist der frühen 1980er Jahre aufleben. Die subkulturelle Abgrenzung durch Mode, die Musik und die Darstellung der Parallelwelten, in denen sich Bexy bewegt – all das fängt der Regisseur gekonnt ein. Und das ist eben zu großen Teilen seiner persönlichen Erfahrung als Hooligan zu verdanken, denn er war damals mittendrin. Auch die Stumpfsinnigkeit der Gewalt und das übersteigerte Machismo der Firmen-Mitglieder, die sich jenseits jeglicher Verbindung zum eigentlichen Aufhänger Fußball bewegen, bringt der Film auf den Punkt. Die einzigen Fußballspiele, die im Film gezeigt werden, sind Spiele zwischen Hooligans. Loves The Firm erreicht zwar in dieser Hinsicht nicht die Qualität von Clarkes Original, überzeugt aber trotzdem durch Authentizität und effiziente Inszenierung.

Woran der Film hingegen krankt, ist gerade jenes neue Element, das Love dem Ausgangsmaterial hinzufügt. Die Motivation für die Handlungen seines heranwachsenden Protagonisten bleibt skizzenhaft. Warum sich Dom seine soziale Ersatzgemeinschaft gerade im Hooligan-Umfeld sucht, wird nur unbefriedigend herausgearbeitet. Doms Faszination erschöpft sich an der Person von Bexy. Und der wird als »Verführer« recht uncharismatisch inszeniert.

Der spontane Ausbruch aus dem Slacker-Dasein, das Dom zu Beginn mit seinem Kumpel führt, und das damit verbundene Antesten neuer Subkulturen und Lebensstile kann zwar als Referenz an adoleszente Selbstfindungsstrategien gewertet werden, doch wirklich nachvollziehbar und glaubhaft ist Doms Weg zum Erwachsenwerden nicht. Man kann jetzt argumentieren, daß in solchen Fällen Logik keine Rolle spielt, sondern reine Emotion und Intuition. Aber auch dieses affektive Moment hätte der Film geschickter und einfach besser einfangen können.

In einem Interview, das in den Extras der DVD enthalten ist, hebt der Regisseur die moralische Komponente seiner hinzugefügten Coming-of-Age-Geschichte hervor. Die sei ihm wichtig gewesen. Doch letztendlich fehlt Love das nötige Fingerspitzengefühl, um ein differenziertes Bild eines Heranwachsenden in einem moralischen Dilemma zu zeichnen. Alles spielt sich zu stereotyp an der Oberfläche ab, ohne die nötigen charakterlichen Nuancen.

Die Stärken von The Firm finden sich allein in den Szenen, die sich im Milieu der Hooligans abspielen, und im Retro-Look des Filmes – denn dafür scheint der Regisseur ein Händchen zu haben. Auch wenn das nicht der Grund war, warum sich Love diesem Stoff gewidmet hat. Das haben wohl auch die Verleiher der DVD gemerkt, denn diesen beiden Facetten des Films wird in den »Making-Ofs« und »Behind-the-Scenes« besonders viel Platz eingeräumt. Und Dom, der orientierungssuchende Heranwachsende? Den sucht man auf dem DVD-Cover vergebens. 2010-10-06 10:36

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