Wer das Böse sät
Von Jens Dehn
Mitte der Neunziger Jahre galt Ole Bornedal als eines der größten Regietalente Nordeuropas. Sein klassischen Genretraditionen verhafteter Thriller
Nightwatch – Nachtwache wurde über Dänemarks Grenzen hinaus zum unerwarteten Publikumserfolg und ebnete Bornedal sogar den Weg nach Amerika. Unglücklicherweise drehte er dort mit
Freeze – Alptraum Nachtwache das Remake seines eigenen Originals, was ihm zu verzeihen gewesen wäre, hätte er der Geschichte von
Nightwatch etwas Neues hinzuzufügen gehabt. Da das aber nicht der Fall war, mußte sich Bornedal den Vorwurf gefallen lassen, sein Talent verschleudert und sich selbst für eine Handvoll Dollar verkauft zu haben. Die verlorenen Sympathien gewann der Däne auch mit der ambitionierten, betörend schön fotographierten, aber zu gediegenen Literaturverfilmung
Dina – Meine Geschichte nicht wieder, und so dauerte es bis ins Jahr 2008, ehe er mit
Bedingungslos erneut auf sich aufmerksam machen konnte. Das ästhetisierte Drama um den Identitätswechsel eines frustrierten Familienvaters bestach durch seine verschachtelte Erzählweise, intelligente Regieeinfälle und elegante Cinemascope-Bilder. Bornedal gelang damit ein überzeugendes Comeback, wenngleich der Film selbst nach furiosem Beginn keineswegs restlos überzeugen konnte.
Vor demselben Dilemma steht der Regisseur nun auch mit seinem neuen Film
Deliver Us from Evil, der in Deutschland zunächst auf DVD, nicht aber auf Blu-ray erscheint: Erneut gelingt es ihm, durch eine clevere, originelle Eröffnung das Publikum für sich einzunehmen. Mit inszenatorischem Verve stellt Bornedal seine Protagonisten vor: den erfolgreichen Anwalt Johannes mit seiner Frau und den Kindern, dessen heruntergekommenen Bruder Lars, der sich als LKW-Fahrer durchs Leben schlägt. Ingvar, einen ehemaligen Major der Heimatschutztruppe, der vom Tod seines Sohnes traumatisiert ist, und Alain, den einzigen Asylbewerber des Dorfes, der seine Familie im Krieg verloren hat.
Das titelgebende Böse nimmt seinen Lauf, als Lars hinter dem Steuer seines Trucks für einen Moment unachtsam ist und Ingvars Ehefrau überfährt. Um sich seiner Verantwortung zu entziehen, schiebt er die Schuld dem Asylanten Alain in die Schuhe. Rasend vor Wut und Schmerz will Ingvar Rache für den Tod seiner Frau. Binnen kürzester Zeit brechen unter den Dorfbewohnern rassistische Ressentiments auf, wird aus einer scheinbar friedlichen Nachbarschaft ein feindseliger Mob. Einzig der friedliebende Johannes gewährt Alain Schutz in seinem Haus, doch dadurch richtet sich die Wut der aufgebrachten Bevölkerung auch gegen ihn und seine Familie.
Deliver Us from Evil überzeugt, solange Bornedal Figuren und Geschichte entwickelt, solange er die Spannung aufbaut. Sobald sich diese aber in der Konfrontation entlädt, schießt er übers Ziel hinaus, wird krude, teils unglaubwürdig. Bornedal ist von jeher ein Regisseur, der seinen Vorbildern im Rahmen eines Genres huldigt. Im positiven Fall führt das zum gelungenen Zitat, im negativen zum abgekupferten Imitat. Letzteres trifft hier zu. Das Vorbild des Finales ist unübersehbar
Wer Gewalt sät: vom Setting über Handlungsmuster bis zur Wechselwirkung von Gewalt und Gegengewalt – was Bornedal in der letzten halben Stunde inszeniert, ist teilweise so nah an Sam Peckinpahs Klassiker von 1971 angelehnt, daß es an geistigen Diebstahl grenzt. Das ist ärgerlich und vor allen Dingen unnötig, hat Bornedal doch in der vorangegangenen Stunde bewiesen, daß er als Autor und Regisseur über genügend Potenzial verfügt, um die Geschichte zu einem originären Ende zu führen. So bleibt
Deliver Us from Evil ein vor allem formal beeindruckendes Drama, mit dem Ole Bornedal einmal mehr seine Kompetenz als Genre-Regisseur demonstrieren kann. Einen gänzlich gelungenen Film hat er aber auch diesmal nicht gedreht.
2010-09-29 15:58