Testament eines großen Erotomanen
Von Jochen Werner
Walerian Borowczyk, der große Erotomane des transgressiven französischen Kinos, inszenierte
Ars Amandi acht Jahre nach seinem wohl bedeutendsten Film
La Bête, und vier Jahre vor
Emmanuelle 5. Beide Werke sind nicht zufällig hier genannt, markiert doch der vorliegende Film auch einen Umschlagpunkt. Die weichgezeichnete, aber gänzlich unverklemmte Softerotik, die Borowczyk hier zelebriert, gehört im Grunde einem Traum von einem sexuell befreiten Kino an, der in den 1970er Jahren nicht nur vom französischen Film geträumt wurde und der zum Zeitpunkt der Entstehung von
Ars Amandi bereits wieder im Sterben lag. In den schönsten Sequenzen dieses Films scheint Borowczyk dies gar zu ahnen, und wenn er im Epilog diesen Traum geradezu demonstrativ platzen läßt, dann betritt er ein eigentümlich zerrissenes Territorium, das auf der einen Seite den auch persönlichen Verlust zu betrauern scheint, während andererseits auch eine Aktualisierung hin auf das Kino seiner Zeit versucht wird.
Ars Amandi, Borowczyks aufwendige Ovid-Paraphrase, ist im Grunde ein Liebhaberfilm; ein Film, der eigentlich nur scheitern konnte. Drei Jahre zuvor hatte Tinto Brass sein Mammutprojekt
Caligula spektakulär versenkt und damit vorerst allen Utopien einer Versöhnung von Pornographie und kommerziellem Kino einen Riegel vorgeschoben. Zudem war die Homevideo-Revolution bereits am Zuge, die Bahnhofskinos und damit im Grunde die gesamte B-Movie-Infrastruktur unwiederbringlich auszulöschen, und über weite Strecken fühlt sich
Ars Amandi tatsächlich wie ein Schwanengesang an: wie der verzweifelt aufwendige Film eines Regisseurs, dessen edle Bildwelten zwar hörbar nach der ganz großen Leinwand schreien, der aber doch zutiefst im Inneren weiß, daß es in seiner Nische künftig eng werden würde. Zwei Kinofilme konnte Borowczyk im Anschluß noch realisieren bis zu seinem Tod im Jahr 2006, neben dem Sequel der untoten
Emmanuelle-Endlosreihe mit
Cérémonie d’amour gar noch einen letzten großen Wurf. Das Kino freilich, für das er steht, hat bis heute keinen Weg zurück auf die großen Leinwände gefunden.
Umso wichtiger ist es, daß das Label Donau Film nun nach und nach die klaffende Lücke, die Borowczyks Filme auf dem deutschen DVD-Markt bisher markierten, schließt: Nach der Veröffentlichung von
Unmoralische Engel – dem zweiten Teil seiner »Unmoralischen Trilogie« – liegt nun auch der Abschluß vor, und es stellt sich lediglich die Frage, wo eigentlich der erste Film des Zyklus, der 1974 inszenierte
Contes immoraux, bleibt. Ein Kino wie das von Walerian Borowczyk, ästhetizistisch, grenzüberschreitend und kaum mit dem Handwerkszeug des narrativen Films zu greifen, ist mit dem Mainstream kaum zu vermitteln und wird stets randständig bleiben – doch das Gegenwartskino vermißt Außenseiter seines Schlages, ohne Berührungsängste zu Exploitation, Sleaze und Pornographie, schon seit langem sehr, sehr schmerzlich.
2010-09-27 15:23