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Made in U.S.A.

F 1966. R,B: Jean-Luc Godard. K: Raoul Coutard. S: Françoise Collin, Agnès Guillemot. M: Antoine Duhamel. D: Anna Karina, László Szabó, Jean-Pierre Léaud, Yves Afonso, Ernest Menzer, Marianne Faithfull, Jean-Claude Bouillon, Philippe Labro u.a.
82 Min. Kinowelt ab 5.8.10

Sp: Deutsch, Französisch (DD 1.0). Ut: Deutsch, Englisch, Spanisch, Niederländisch u.a. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Einführung zum Film von Colin MacCabe, Interview mit Anna Karina, Filmplakate, Trailer.

Alles inszeniert

Von Julian Bauer Die Farben der tricolore, die Farben der stars and stripes. Mit »Adieu la vie, Adieu l’amour« beginnt das französische Made in U.S.A. von Jean-Luc Godard, verstrickt sich im Politischen und findet den Ausweg in einem Scherz. Alles ist, wie László Szabó in den Mund gelegt bekommt, »Mise-en-scène«: Jede Farbe ist eine Erzählung, sie ist pop, politisch, Walt Disney, brutal. Sogar das Blut ist pure Coloration. Jedes Buch ist ein Paratext: Während ein Arzt erklärt, daß Einsamkeit und Krankheit zusammenhängen, hält er seine Groddeck-Lektüre ins Bild. Jeder Tod ist mehr In-Szene-Setzung als Ableben selbst: Die todestaumelnde Choreographie des Jean-Pierre Léaud oder auch Szabós letzter Satz mit Kopfschuß in der Stirn.

Seitdem das Persönliche politisch ist, bewegt es sich immer gefährlich nah an der Werbung: Anna Karina sagt Sätze auf, voller Bedeutung oder eben auch nicht. Aber sie baut damit immer auch Räume; Wörter als Tableau. Und die Montage strukturiert analog die Erzählung mit Reklame-Schriften, gemalt oder geleuchtet. Leuchtfließpunktschrift. Die Moderne dringt ins Politische und zerfrißt Prinzipien. Die Moderne dringt lärmend ans Ohr: Maschinengekrach, Maschinengewehr, verzerrte Lautsprechereien oder Telefonsignaltöne, die ins Wort fallen. Kein Fenster ist dicht genug.

Die Schauspieler befinden sich in absurd komponierten Situationen, sprechen Sätze, die keiner Klärung bedürfen können dürfen. In montierten Wiederholungen lacht die Mise-en-scène über sich selbst. Die Nahaufnahmen, bei denen Anna Karina ihren Kopf, begleitet von einem Tusch, wendet, sind selbst ein Tusch. Eine Marke, wer könnte sie jetzt noch vergessen? Die Schauspieler bewegen sich in amerikanischen Miniaturen, aber französisch – oder europäisch? László Szabó ist für wenige Sekunden Jerry Lee Lewis.

Anna Karina sagt: »Die Fiktion siegt immer über die Realität. Überall Blut und Rätsel.« Die Aufbereitung des Politischen erfolgt medial, in Erzählungen. Ende der 1960er Jahre, nach dem Kennedy-Mord, in einer neuen Drastik. Anna Karina äußert gegen Ende des Films ihre Angst über diese Verseichtung. Sie hat uns heute schon längst in allen Lebensformen erreicht: Mise-en-scène als Fetisch. Wunderbar, daß dieser Film nun auf DVD erhältlich ist! 2010-09-15 11:48

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