Zwei Männer und viele tote Frauen
Von Kristina Schilke
Kanada ist die Heimat der Misere. Nicht das Kanada, das man sich als von Lachsen überströmtes, bergiges Traumland jenseits der Grenzen eines gewalttätigen Amerikas erträumt. Sondern eine unansehnliche, provinzielle Industriegegend. Hier ist das Wetter immer gefühlt grau, sämtliche Familienhäuser sehen gleich aus und falls man hinaufschauen sollte zum Himmel, ist dieser durchschnitten von sich abermals überkreuzenden Strommasten.
Was passiert an so einem Ort? In den ersten Minuten der Pilotfolge folgendes: Ein Mann beobachtet, in Laubzweigen versteckt, ein Picknick im Wald. An diesem Picknick nehmen drei Personen teil, ein etwa vierzigjähriger Mann und zwei Schulmädchen im Teenager-Alter. Alles sieht nach Sex aus. Sex, mit dem man sich intuitiv nicht einverstanden wähnt. Schließlich fesselt der Mann beide Mädchen, danach folgen Vergewaltigungen und Mord. Der Zuschauer im Gebüsch leidet scheinbar mit, kommt aber wenig später zum Ort des Verbrechens zurück, um zunächst mit den Leichen zu tanzen und danach einer wimmernden Überlebenden den Kopf endgültig einzuschlagen.
Wieso zieht man an so einen Ort? Polizist Mike Sweeney siedelt mit seiner aufgrund einer Krebserkrankung brustamputierten Frau und den beiden seltsamen Töchtern in die Stadt, um hier zu arbeiten. Er zieht in ein Haus, das scheinbar aus Zufall heraus in direkter Nachbarschaft liegt zu dem Beobachter vom Anfang und psychotischen Mörder von später. Im Ort ist dieser Mann jedoch ein berühmt-beliebter Ex-Hockey-Star, Ray Prager. Und die Morde gehen weiter. Häßliche Dinge passieren an einem häßlichen Ort. Ein Frauenmord nach dem anderen, die zusammengenommen eine erstaunliche Kurve bilden: Je mehr getötet wird, desto weniger interessiert es einen. Obwohl sich die Serie Mühe gibt hinter die dunklen Geheimnisse und Wesenszüge sämtlicher agierender Personen zu blicken, wird man früher oder später schier erschlagen von der überall wuchernden Bösartigkeit in Durham County. Und ist erst einmal alles schwarz, regt man sich über die Dunkelheit nicht mehr auf.
Ist Durham County also eine Krimiserie, zwar eine pessimistische, aber dennoch eine Krimiserie nach alter Manier? Nein, denn gerade die Auflösung der Morde scheint nicht das zu sein, woraus die Spannung gezogen werden soll. Hier regiert das Columbo-Prinzip: Von Anfang an kennt man den Mörder und wartet die restliche Zeit auf die geschickte Auflösung des Falls. So läuft es zumindest, wenn Peter Falk mit Glasauge und Verstand seine Schlüsse zieht. Aber so läuft es nicht bei Durham County. Denn die kriminalistischen Details sind für CSI oder Law and Order geprüfte Zuschauer ein Witz, so unlogisch und lückenhaft kommen sie daher. Auch die Detektivspiele selbst lassen sich die gesamte erste Staffel, also sechs Folgen lang, Zeit. Das ist und kann es nicht sein, was den inneren Motor der Serie ausmacht, der das Ding am Laufen hält.
Aber was dann? Was soll episch genug sein, um Interesse zu erzeugen und die Figuren voranzubringen? Nach einer Weile, die man in Durham County verbringt, versteht man schließlich, daß die Serie etwas versucht, wozu sie schwerlich in der künstlerischen Lage sein kann: Die Darstellung eines brodelnden Duells zweier moralisch ambivalenter Männer. Polizist Mike Sweeney ist nämlich ebenfalls belastet mit Verliebtheiten jenseits der Ehe und Gewaltausbrüchen. Beide Männer, sowohl Sweeney als auch Prager, verbindet ein sogenanntes Geheimnis aus der Vergangenheit, das langsam an die Oberfläche gelangt, mit einer derartigen Mühe, daß klar wird, hier war der Fokus angesiedelt. Aber etliche großartige Serienerfolgen vor Durham County haben das schon um so vieles besser ausgekostet, den Kampf zweier moralisch nicht einwandfreier Männer gegeneinander: In Dexter ist es der ausschließlich nach einem Moralcode tötende Dexter und dessen Bruder, welcher lediglich nach Lust und Laune umbringt. Im Goldgräberstädtchen Deadwood köchelt die Wut zwischen dem moralfreien Saloonbesitzer Al Swearegen und dem rechtschaffenen, aber auch auf eigenen Vorteil bedachten jungen Sheriff Bullock. Über sämtliche Staffeln von True Blood hinweg mißt sich der innerlich zerrissene Vampir Bill Compton mit dem hedonistischen, stärkeren Vampir Eric Northman. Zwei Schönheitschirurgen spielen in Nip Tuck ihre Fähigkeiten und ihre Fehler gegeneinander aus. Und schließlich führt in der Dramaserie Big Love der polygam lebende Mormone Bill einen undurchsichtigen und langwierigen Kampf gegen den Patriarchen Roman Grand.
Ein serienkundiger Zuschauer wird sich dementsprechend bei Durham County ob der Unfähigkeit der Duelldarstellung wundern, die niemals genug trägt oder gar überzeugt. Und obwohl das Ganze allein kameratechnisch alles andere als ein Trauerspiel ist, die Musik an vielen Stellen geschickterweise nicht einsetzt oder gar den richtigen Ton trifft und den Schauspielern Glauben geschenkt werden kann in ihren Rollen, bleibt Durham County ein Stück kleines Fernsehen, das so viel mehr wollte, als es konnte.
2010-08-27 10:58