Alles, nur kein Stillstand!
Von Carsten Happe
Die Handlung von
Pierrot le fou? Keine Ahnung. Irgendwo muß sie versteckt sein, aber wirklich wichtig ist sie nicht. Ein Mann liebt eine Frau, er heißt Ferdinand, sie nennt ihn Pierrot, gemeinsam sind sie auf der Flucht, braucht es mehr? Die zeitgenössische Kritik, beispielsweise Françoise Giroud in
L'Express, war überzeugt: ernsthafte Menschen hassen Filme wie diesen. Filme, die sich herkömmlichen Kategorien entziehen, anarchisch und ungezähmt, wild und leidenschaftlich, voller Gewalt, auf ein Wort gebracht: Emotion. Godard hat diese Definition des Filmbegriffs Samuel Fuller referieren lassen, während einer Partyszene, ziemlich am Anfang von
Pierrot le fou, als alle anderen Gäste in hohlen Werbeslogans parlieren. Die Metaebenen geben sich die Klinke in die Hand und Pierrot, pardon: Ferdinand, flieht ein erstes Mal, zumindest von dieser Party. Er trifft Marianne wieder und verläßt spontan seine Familie, sie machen sich auf den Weg nach Südfrankreich, ohne Geld, ohne Ziel, außer diffusen Freiheitsgedanken.
Godards zehnter Langfilm fühlt sich bisweilen wie die Quintessenz seines bisherigen Schaffens an; alles ist da, alles an seinem Platz, alles wartet nur darauf durcheinandergewürfelt, dekonstruiert zu werden. Jean-Paul Belmondo. Anna Karina. Raoul Coutards Fotographie in bestechendem Techniscope. Die Musik von Antoine Duhamel. Selbst zentrale Motive späterer Werke wie das automobile Massaker in
Weekend werden angedeutet. In all die Verspieltheit, die Zitatwut und die Kinoliebe mischen sich aber bittere Untertöne, die in eine Todessehnsucht münden. Der Vietnamkrieg dominiert das politische Bewußtsein Godards zu dieser Zeit, er hat den Algerienkrieg, auch in
Pierrot le fou, wo zu Beginn noch ein Graffiti der französischen Untergrundbewegung OAS zu sehen ist, abgelöst. Um an Geld für ihre Weiterfahrt zu kommen, führen Ferdinand und Marianne ein bizarres, improvisiertes Schauspiel für einige amerikanische Touristen auf. Vietnam als Zwei-Personen-Stück. Es bringt nicht viel ein, aber die Reise kann weitergehen, muß weitergehen. Alles, nur keinen Stillstand.
Pierrot le fou ist eine Adaption von Lionel Whites klassischem Gangsterroman »Obsession«, als diese jedoch kaum zu erkennen, aber das ist vollkommen egal, ein Kollateralschaden bei der Jagd nach einem zuvorderst visuellen Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Diese Farben! Das Blau des Meeres und der Farbe in Belmondos Gesicht, das Rot von Anna Karinas Kleid, das Rot des Blutes in den Gesichtern, auf den Hemden der Toten, wie Ketchup so leuchtend. Die pure Schönheit der Komplementärfarben im Breitwandbild des Techniscopeverfahrens. Seinen narrativen Höhepunkt hatte Godard durchaus schon in seinen vorherigen Filmen erreicht, rein visuell haben Coutard und er kaum etwas Betörenderes auf Zelluloid gebannt als
Pierrot le fou.
2010-08-09 12:43