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Die Hölle von Henri-Georges Clouzot

L'enfer d'Henri-Georges Clouzot. F 2009. R,B: Serge Bromberg. R: Ruxandra Medrea. K: Jérôme Krumenacker, Irina Lubtchansky. S: Antoine Jesel, Janice Jones. M: Bruno Alexiu. P: Lobster Films, France 2 Cinéma u.a.
95 Min. Arthaus ab 15.7.10

Sp: Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: _Seine Gefangene_ – der Nachfolgefilm und zugleich die letzte Regiearbeit von Henri-Georges Clouzot (1968, ca. 102 Min.), Sie haben die Hölle gesehen – 57minütige ergänzende Dokumentation, Interview mit Regisseur Serge Bromberg, Fotogalerie, Trailer.

Fiebrig-halluzinatorische Fragmente eines Meisterwerks

Von Esther Buss Warum bestimmte Filme, die unter haarsträubend widrigen Bedingungen entstanden sind, geglückt, andere jedoch gescheitert sind, läßt sich manchmal nicht so genau sagen. Wenn man sich etwa Hearts of Darkness, die Dokumentation der wahnwitzigen Dreharbeiten zu Francis Ford Coppolas Apocalypse Now ansieht, erscheint es fast wie ein Wunder, daß dieser Film überhaupt existiert.

L'enfer (1964) von Henri-Georges Clouzot gehört dagegen zu jenen mythenumwobenen Projekten, aus denen nie ein fertiger Film wurde. Der Regisseur erlitt während der Dreharbeiten einen Herzinfarkt, den er zwar überlebte, für den Film jedoch das Ende bedeutete. Seitdem war L'enfer von Gerüchten und Anekdoten begleitet – eine mysteriöse Lücke in der Biographie eines für seinen Perfektionismus berüchtigten Regisseurs. Während die Imagination durch die Abwesenheit von Bildern erst recht befeuert wurde, lagen 185 Filmrollen, insgesamt 13 Stunden, ohne Ton, jahrelang im Französischen Filmarchiv. Die Filmhistoriker Serge Bromberg und Ruxandra Medrea erfuhren von der Existenz der Aufnahmen und erhielten von Clouzots Witwe Inés schließlich die Erlaubnis, die bisher ungesehenen Szenen für die Öffentlichkeit freizugeben. L'enfer d'Henri-Georges Clouzot (2009) ist eine sensationelle filmhistorische Ausgrabung und das Making of eines auf abstruse Weise entgleisten Projekts. Die Produktionsgeschichte des Films wird durch Interviews mit ehemaligen Zeitzeugen – in einer aufgehübschten Guido-Knopp-Ästhethik – erzählt, zudem gibt es recht prätentiös inszenierte Einschübe, in denen ein Schauspielerpaar Szenen aus L'enfer nachspielt, um der lückenhaften Storyline etwas mehr Kontinuität zu verleihen. Über diese etwas mißglückten Einfälle sollte man jedoch großzügig hinwegsehen. L'enfer d'Henri-Georges Clouzot ist vor allem als Meta-Film oder »Film im Film« aufregend, denn die Fragmente von L'enfer konstruieren ein völlig eigenständiges, wenn auch brüchiges Werk.

L'enfer erzählt von der pathologischen Eifersucht eines Mannes, Clouzot hatte das Drehbuch selbst geschrieben. Erste Schwarzweißbilder zeigen ein glückliches Paar, gespielt von Romy Schneider und Serge Reggiani. Die beiden führen ein kleines Hotel an einem See, die Kulisse ist malerisch, erste Anzeichen einer Bedrohung kündigen sich symbolhaft an. Der Blick des Mannes, Marcel, auf seine Frau, Odette, wird zunehmend surreal. Er sieht in ihrem ungezwungenen Umgang mit den Hotelgästen ein aufreizendes Spiel sexueller Zeichen. Seine Wahrnehmung verformt sich buchstäblich: das Bild wird verzerrt, Augen, Münder und Brüste vervielfältigen sich, seine Orientierung geht zunehmend verloren. Daneben gibt es bizarre Bilder in den unglaublichsten Farb- und Lichtstimmungen. Eine in grünes und blaues Licht getauchte Romy Schneider, die genüßlich und sehr lasziv raucht, ihr Blick intensiv, geradezu hypnotisch. Romy beim Wasserskifahren, der See ist blutrot gefärbt, Romy mit blau geschminkten Lippen auf einem Boot, Romys funkelndes, mit Pailletten besetztes Gesicht, umkreist von Lichtspielen. Die atemberaubenden Bilder aus L'enfer wirken trotz ihrer zeitspezifischen Qualität neu und unverbraucht. Doch natürlich leben sie auch von der Fallhöhe des Gescheiterten bzw. von der suggestiven Kraft des Möglichen. Sie versprechen, mehr zu sein als bloße Filmreste, nämlich Fragmente eines potentiellen »Meisterwerks«. Nichts weniger hatte sich Clouzot jedenfalls vorgenommen.

Clouzot wollte mit L'enfer eine neue visuelle Sprache erfinden, Erfahrungen der bildenden Kunst in Film übersetzen. Das neue Werk sollte das Kino erneuern und seinem Regisseur die höchste Anerkennung verschaffen. Anfang der sechziger Jahre genoß Clouzot nämlich keineswegs uneingeschränkte Wertschätzung. »The French Hitchcock«, wie er genannt wurde, galt zwar seit Filmen wie Quai des Orfèvres (Unter falschem Verdacht, 1947), dem existentialistischen Thriller Le salaire de la peur (Lohn der Angst, 1953) und dem Ehepsychodrama Les Diaboliques (Die Teuflischen, 1954) als Meister der perversen Psyche und hatte mit dem dokumentarischen Essay Le Mystère Picasso (1957) außerdem bewiesen, daß er auch experimentellere Erzählformen beherrschte. Doch als 1960 La vérité in die Kinos kam, war der Zeitschrift Cahiers du Cinéma die Besprechung ganze fünf Zeilen wert. Das französische Kino stand zu diesem Zeitpunkt ganz unter dem Eindruck der Nouvelle Vague, deren Angriffe auf das heftig bekämpfte »cinéma de qualité« natürlich auch Clouzot miteinschlossen.

Die Produktion von L'enfer fand unter größter Geheimhaltung statt und wirkte für französische Maßstäbe reichlich übergeschnappt. Es wurde Hollywood gespielt. Clouzot hatte von der co-produzierenden Columbia ein unbegrenztes Budget erhalten. Geradezu manisch widmete er sich fortan der Aufgabe, wie sich die paranoiden Visionen des eifersüchtigen Ehemannes darstellen und technisch umsetzen ließen. So stellte er etwa Eric Duvivier als Berater ein, der in Image du monde versucht hatte, Henri Micheaux' halluzinatorische Visionen unter Meskalin filmisch zu illustrieren, und machte sich ein spezielles Lichtsystem (»Héliophore«) zunutze, das ähnliche Effekte erzeugte, wie das irisierende Leuchten von Schmetterlingsflügeln je nach Position des Lichts. Den größten Einfluß auf die Albtraumszenarien hatten jedoch die Werke der kinetischen Kunst, deren Prinzip der Wahrnehmungsveränderung bzw. -verunsicherung Clouzot in eine Filmsprache zu übersetzen versuchte. Clouzot verbrachte Monate mit den Aufnahmen experimenteller Farb- und Lichteffekte bis die eigentlichen Dreharbeiten stattfanden. Es gab zwar keine aufwendigen Aufbauten, kein Heer von Komparsen, doch Clouzot verlor sich zunehmend im Detail, verschwendete hemmungslos Zeit und Ressourcen. Besonders zwischen Serge Reggiani und dem Regisseur herrschte eine fast unerträgliche Anspannung, der Schauspieler mußte tagelang hinter einem Kamerawagen hinterherrennen, bis er völlig erschöpft war. Nach zehn Drehtagen stieg Reggiani aus dem Projekt aus, die offizielle Erklärung lautete »Malta-Fieber«. Der als Ersatz gehandelte Jean-Louis Trintignant reiste ab, ohne eine einzige Szene gedreht zu haben. Clouzot machte einen immer hilfloseren und orientierungsloseren Eindruck. L'enfer war für ihn selbst zu einer Art Hölle geworden.

1968 drehte der Regisseur noch einen letzten Film, La Prisonnière (Seine Gefangene) – eine Geschichte über Voyeurismus, Abhängigkeit und Unterwerfung. Clouzot kam erneut auf die kinetischen Effekte und ihre Erotisierung zurück (»Ein schöner Vasarely, nicht? Sieht aus wie ein Käfig«) und engagierte zum großen Teil sogar das selbe Team. La Prisonnière endet mit einer langen Halluzinations-Sequenz, doch die wilde Montage aus Spiegelungen, Verzerrungen, Puppen und kinetischer Kunst, Stroboskopeffekten, Lichtern und Farben, wirkt hier wie eine etwas müde Vorführung verschiedenster Tricktechniken. Umso hypnotischer wirken die fiebrig-halluzinatorischen Szenen von L'enfer. 2010-08-11 11:53

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