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Daybreakers

USA 2009. R,B: Michael Spierig, Peter Spierig. K: Ben Nott. S: Matt Villa. M: Christopher Gordon. P: Furst Films, Pictures in Paradise Pty. Ltd. D: Ethan Hawke, Willem Dafoe, Sam Neill, Claudia Karvan, Vince Colosimo, Isabel Lucas, Christopher Kirby, Michael Dorman u.a.
94 Min. Sunfilm ab 27.8.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Audiokommentar der Regisseure.

Eine kleine Genreperle

Von Marco Geßner Nicht totzukriegen ist der Vampir aus der Filmhistorie. Seit Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu – eine Symphonie des Grauens (Deutschland 1921) bildet er eine feste Größe im Kanon der Schattenwesen des (Genre-)Kinos. Anfangs als sprichwörtliche Pestilenz einer traumatisierten Nation nach dem 1. Weltkrieg, dann als Verführer und metaphorischer Deflorationskünstler in Zeiten, als Sex noch kodiert auf die Leinwand gebracht werden mußte. Seine modernen filmischen Erscheinungen zeigen ihn nun auch als lachhaft tragische Figur wie in Mel Brooks Dracula (USA 1993), als cool gestylten Kämpfer wie in den Underworld-Filmen oder als romantisch-leidend-triebbeherrschtes Abziehbild hauptsächlich weiblicher Traumphantasien. Daybreakers führt uns das weitgehend klassische Abbild vor, jedoch denkt er den traditionellen narrativen Ausgangspunkt weiter…

2019. Eine monströse Evolution hat weite Teile der Menschheit zu Vampiren mutieren lassen, die inzwischen die Kontrolle übernommen haben. Die Menschheit dient nur noch als Blutkonserve und stirbt nach und nach aus. So kommen bedrohliche Zeiten auf, die Versorgung der Bevölkerung mit Blut kann durch die Wirtschaft nicht mehr garantiert werden. Aus Nahrungsmangel zeigen bereits viele der Wesen Alterungs- und Verfallserscheinungen, einige werden zu potenziell gefährlichen »Subsidern«, die sich vom Blut anderer Vampire oder ihrem eignen ernähren, was den Verfall nur noch beschleunigt. Der Wissenschaftler Dr. Edward Dalton wird von einem Unternehmen beauftragt, seine Forschungen an einem künstlichen Blutersatz weiterzuführen. Doch bleibt ihm genug Zeit, bevor sich im Hunger nach Blut die Vampire selbst auslöschen? Oder gibt es sogar noch einen anderen Ausweg? Welche Perspektive haben die wenigen noch existierenden Menschen in dieser Situation?

Eine Gruppe von Menschen, zumeist die letzten Überlebenden ihrer Spezies, muß sich gegen einen übermächtigen Feind zur Wehr setzen. Dieses Grundkonstrukt ist sattsam bekannt. Nicht von ungefähr kommen einem die Werke von George A. Romero in den Sinn, in denen die Untoten nach und nach die Kontrolle über die Erde übernehmen, die Situation für die Menschen stetig hoffnungsloser und depressiver wird, auch wenn sie sich heftigst zur Wehr setzen gegen eine tumbe, doch lernfähige (und inzwischen auch immer schneller fortbewegende) Bedrohung. Daybreakers ist quasi ein Zombiefilm, nur mit Vampiren. Durch diesen Austausch gewinnt der Film seinen Reiz, sei es im Vergleich mit den Zombiefilmen wie auch als Weiterentwicklung des Vampir-Subgenres an sich. Dem Vampir als intellektuell durch seine Verwandlung nicht geschädigtes Wesen ist es problemlos möglich, die bekannte Gesellschaftsordnung und wirtschaftlichen Prozesse unter neuen inhaltlichen Schwerpunkten nahtlos fortzuführen. Der Trieb nach Blut wird domestiziert und in wirtschaftlich-kapitalistische Bahnen gelenkt. Dieses Gedankenspiel funktioniert unter Umgehung eines klassischen Wesensmerkmals des Vampirs: jungfräulich muß die »Originalquelle« nicht sein, oder jungmännlich, denn auch das Geschlecht der Bezugspersonen ist den Konsumenten hier egal.

Wenn schon die Parallelen zu den apokalyptischen Zombiefilmen und ihrem kreativen Ziehvater auffallen, so stellt sich die Frage nach einem möglichen inhaltlichen Subtext. Der Horrorfilm im Allgemeinen und die Zombiefilme im Speziellen eigneten sich schon immer durch ihre extremen Bedrohungsszenarien ideal als Träger von Reflexionen über den Zustand menschlichen Zusammenlebens und moralischer Werteverschiebungen. Wenn also Zombies u.a. als Sinnbild für die sich selbst zerfleischende Konsumgesellschaft einer hedonistischen Leitkultur taugen, dann auch Vampire als Metapher für ein den Menschen aussaugendes und ihn zerstörendes System? Dem sprichwörtlichen Turbokapitalismus, der sich bereits verselbstständigt hat und letztlich unkontrollierbar geworden ist? Derlei Gedankenspiele werden im Film nicht ausformuliert oder konkretisiert, im Gegensatz zum leider in Vergessenheit geratenen Wettlauf gegen den Tod (Hanno cambiato faccia, IT 1971, Corrado Farina) der den Kapitalismus aggressiven Auswuchses explizit als eine Form von Vampirismus darstellt. Trotzdem ist es schwer, Daybreakers nur als spannenden Genrebeitrag ohne gesellschaftliche Kommentare zu sehen. Auch die Szene, in denen die aus der Not heraus kriminell gewordenen »Subsiders« durch das Militär/die Polizei an Ketten ins Sonnenlicht gezerrt werden, kann durchaus als Statement auf die Todesstrafe in den USA aufgefaßt werden. Daß die Lösung des Problems dann auf ironische Weise nahe an dessen Verursachung angesiedelt ist, gibt dem Film im Rahmen des Vampirfilmkanons noch eine weitere interessante Neuerung hinzu und kann selbstredend auch gern metaphorisch untersucht werden. Von der philosophischen Frage, ob die Unsterblichkeit des Vampirs dem Dasein als Mensch vorzuziehen ist oder nicht, ganz zu schweigen.

Daybreakers ist eine positive Überraschung im Einheitsbrei derzeitiger Genreunterhaltung. Die Regieleistung von Michael und Peter Spierig ist schnörkellos und konzentriert, die Darsteller sind in Spiellaune (auch wenn Willem Dafoes Charakter insgesamt etwas blaß bleibt), Musik und Effekte auf einem guten Level, Kameraarbeit und Schnittfrequenz wohltuend unhektisch. Spannende und kurzweilige Unterhaltung ist demnach garantiert und wer über die Rezeption des Films hinaus inhaltliche Anreize braucht, wird, wie oben ausgeführt, ebenfalls nicht enttäuscht. Eine kleine Genreperle also? Ja, durchaus. 2010-08-30 12:33

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