Heimat im OP
Von Oliver Baumgarten
In ihrer besten Zeit haben knapp 30 Mio. Menschen die ZDF-Serie Die Schwarzwaldklinik eingeschaltet. Das entspricht ungefähr einem Wert, den 2006 auch das WM-Halbfinale der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Italien erreichte – mit dem pikanten Unterschied allerdings, daß 1986/87 die Gesamtbevölkerung der BRD ja nur 62 Mio. umfaßte. Und das wiederum bedeutet, daß damals jeder zweite Bundesbürger am Bildschirm verfolgt haben muß, wie die Mannschaft um Professor Brinkmann Woche für Woche nicht allein kranke und verletzte Menschen, sondern die darbende Idylle gleich mit verarzten mußte.
Trotz eines solch bemerkenswerten Erfolgs brachte es die Serie auf vergleichsweise bescheidene 70 Folgen (inklusive Pilotfilm), deren letzte Ende März 1989 ausgestrahlt wurde. Dem Sujet der »Halbgötter in Weiß« näherten sich Autor Herbert Lichtenfeld und Fernsehproduzent Wolfgang Rademann im Grunde mittels der bekannten Muster internationaler Vorbilder wie etwa dem Genreklassiker General Hospital (hat es seit 1963 bis heute immerhin auf über 12.000 Episoden gebracht), in dem medizinische Einzelfälle neben sozialen und familiären Problemen behandelt werden. Das Besondere jedoch bestand seinerzeit zweifellos in der Grundidee, die Klinik ausgerechnet dort zu verorten, wo schon 1950 Hans Deppes Schwarzwaldmädel die neue Welle des Heimatfilms in Westdeutschland so zuschauerstark eingeläutet hatte: Typen, Geschichten und Panoramen des Schwarzwalds waren jene Heimatfilmzutaten, die der Melange aus Arztroman und Seifenoper erst die richtige Würze verlieh. Unbestrittenes Zugpferd der Serie war Professor Brinkmann, von Klausjürgen Wussow in den ersten Folgen noch aufbrausend und fast jähzornig interpretiert, bis die Figur immer mehr zum tiefenentspannten Übervater wurde, die nicht nur stets alles im Griff, sondern darüber hinaus auch immer recht hat. Und wenn nicht, besaß er zumindest die Größe, das zuzugeben – womit Professor Brinkmann in der bundespolitischen Ära eines Helmut Kohl kurz nach der Flick-Affäre praktisch gleich hinter Richard von Weizsäcker die erste moralische Instanz im Staate darstellte. Mit einer derartigen Beliebtheit ausgestattet, wird es Klausjürgen Wussow dann sicher auch nicht bereut haben, sein Engagement am Wiener Burgtheater bei Intendant Claus Peymann eigens für die Rolle gekündigt zu haben.
Die gesamte Serie – auch das eher selten – wurde lediglich von zwei Regisseuren verantwortet. Mit Ausnahme von 13 Folgen (Pilot inklusive den meisten Episoden der ersten Staffel) inszenierte Hans-Jürgen Tögel den Großteil. Den Beginn der Serie aber gestaltete mit Alfred Vohrer einer der wichtigen Veteranen des deutschen Nachkriegsunterhaltungsfilms. Vohrer gehörte zu jenen Vertretern des 1962 totgesagten »Papas Kino«, denen es noch bis spät in die 1970er Jahre hinein gelang, Kinofilme alten Zuschnitts zu drehen. Nachdem er als Spezialist für Edgar-Wallace- und Karl-May-Stoffe in den 1960ern reüssierte, war er fast im Alleingang für die populären Mario-Simmel-Verfilmungen der 1970er verantwortlich. Diese 13 Folgen Schwarzwaldklinik stellen Vohrers letzte Arbeiten für Film und Fernsehen dar – ebenso wie die Episodenrolle des alten Katz den letzten öffentlichen Auftritt für den großen Gert Fröbe bedeutete. Beides vermag der Schwarzwaldklinik damit am Ende sogar eine gewisse filmhistorische Bedeutung zu verleihen.
Die nun zum 25jährigen Jubiläum erschienene Komplettbox beinhaltet neben den 70 Folgen und jeder Menge Bonusmaterial zudem die beiden 2005 produzierten, allerdings recht dürftig ausgefallenen Spezialfolgen. Damit kann nun endlich ganz umfassend ein Stück Fernsehgeschichte von jedermann jederzeit dort gesehen werden, für wo es konzipiert wurde: für die gute Stube.
2010-07-29 12:07