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Die Blechtrommel – Director's Cut

D/F 2010. R,B: Volker Schlöndorff. B: Franz Seitz, Jean-Claude Carriere, Günter Grass. K: Igor Luther. S: Suzanne Baron. M: Maurice Jarre. P: Argos Films, Artémis Productions, Bioskop Film, Film Polski Film Agency u.a. D: Mario Adorf, Angela Winkler, David Bennent, Katharina Thalbach, Daniel Olbrychski, Tina Engel, Berta Drews, Roland Teubner u.a.
156 Min. Kinowelt ab 15.7.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch für Hörgeschädigte. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Einführung zum Director's Cut von Volker Schlöndorff, »Die Blechtrommel – Erinnerungen von Volker Schlöndorff«, Nicos Perakis über Die Blechtrommel, Interview mit Eberhard Junkersdorf, Fotogalerie, Originaldokumente von den Dreharbeiten, Biografie Volker Schlöndorff, Bisher unveröffentlichte Fotos der Dreharbeiten aus dem Archiv von Peter Seitz, Trailer.

Ein kleiner Paukenschlag

Von Susan Noll Es ist ein Wälzer, dieses wichtigste Buch der deutschen Nachkriegsliteratur, einer, an den man sich erst nach reiflicher Überlegung wagt. 779 eng bedruckte Seiten, voll skurriler Figuren und Begebenheiten, historischer Wirklichkeiten und pikanten Beobachtungen. Also lohnt es sich, dieses monumentale Werk nicht in schriftlicher, sondern in bildlicher Form zu konsumieren. Die Verfilmung von Volker Schlöndorff von 1979 steht dem Roman von Günter Grass, erschienen 1959, in Kraft und Ausdruck in nichts nach. Ein Ersatz ist sie nicht, aber ein ebenbürtiges Werk. Nun erscheint der Director's Cut, eine um 20 Minuten längere Fassung des Oscar-prämierten Films. Das wirft die Frage nach dem Anlaß auf. Kann der Director's Cut, auch hier wie im Falle vieler großer Produktionen amerikanischer Machart, nur als weitere Stufe in der ertragreichen Verwertungskette des Marktes gesehen werden? Oder boten plötzliche Eingebungen des Regisseurs darüber, daß man die Geschichte vielleicht noch ergänzen sollte, Anlaß zu einer Überarbeitung? Die Lösung ist dann doch eine pragmatische, aber nicht weniger schöne: Das im Keller der Geyer-Kopierwerke in Berlin lagernde Material sollte entsorgt werden, aber Schlöndorff kam dem Frevel zuvor und sichtete die überbliebenen Negative. Dank seiner akribischen Arbeitsweise mit Notizen und Skizzen konnten die für ihn wichtigen Szenen, die es damals nicht in die Endfassung des Filmes geschafft hatten, schnell herausgesucht und ergänzt werden. Diese Information gibt der Regisseur auf der DVD in einem Interview, das zunächst wie der Versuch einer nötigen Erklärung, gar Rechtfertigung wirkt, warum ein runder und gelungener Film wie Die Blechtrommel überhaupt einen Director's Cut braucht. Aber es offenbart sich schnell, daß das für Schlöndorff vielmehr die Möglichkeit ist, geliebten Szenen jetzt noch ihren späten Platz im Werk zu geben. Bleibt trotzdem eine Frage: Lohnt es sich denn?

Ein kurzer Blick auf Die Blechtrommel genügt. Die Stärken des Films sind auch heute nicht zu übersehen. Ein Kind, das an seinem dritten Geburtstag beschließt, aus Protest gegen die Amoralität der Erwachsenen nicht mehr zu wachsen, ist der vielleicht meist geliebte und gehaßte Protagonist der neueren deutschen Literaturgeschichte. Oskar Matzerath stellt geistig reifend, aber als körperlich Dreijähriger die Werte, die das Handeln seiner Umwelt prägen, in Frage und übt lauten Widerstand mit seiner rotweiß gelackten Blechtrommel. Unvergessen ist die Szene der Naziversammlung, die Oskar durch seine rhythmische Trommelkunst von der strammen Orchestermusik befreit und die in Reih und Glied stehenden Anhänger schließlich zum Wiener Walzer im Kreis drehen läßt. Wie beeindruckend aber auch, daß Oskar dabei selbst kein Heiliger ist, kein makelloser Protestschreier, sondern selbst auch ein kleiner Amoralist. Er hebt die Bewertungsinstanz Moral auf und sucht in dieser Welt sein Glück, schließt sich dieser und jener Gruppe an, hat dabei aber auch immer die eigene Schuld im Blick. Die entscheidende Kraft, die ihn antreibt, bleibt dabei seine grundsätzliche Verweigerungshaltung. Die Figur des Oskar Matzerath schien wie geschaffen für die Regisseure des Neuen Deutschen Films. Papas Kino war so tot wie Alfred Matzerath, Oskar mutmaßlichem Mitläufervater, der sich schließlich an seinem Parteiabzeichen verschluckte. Einen kritischen Blick auf die Geschichte hat schließlich auch Oskar, und Krach macht er auch dabei. Wäre er gewachsen, hätte er Fassbinder sein können.

Was tun nun aber die neuen Szenen zu diesem Film, der perfekt in seine Entstehungszeit paßt, auf dem Zenit des Neuen Deutschen Films einen Oscar gewann und immer noch als glänzendes Beispiel für eine werktreue, dabei aber eigenständige Literaturverfilmung in den Klassenzimmern dieser Republik gezeigt wird? Der Geschichtsunterricht ist dem Film weder gut noch schlecht bekommen. Es sind nur kleine Szenen, die Schlöndorff hinzufügte. So entdeckt Oskar die Werke Rasputins und stellt sich den Wanderprediger bei seinen Orgien vor, gleichzeitig liest er Goethe. Das bebildert die umfassende Entwicklung der Figur, macht sie aber auch nicht reicher. Stärker im Gedächtnis bleibt die Erschießung einer Gruppe von Nonnen am von Nazis besetzen Strand, welche von dem Zirkusdarsteller Bebra und seiner Gruppe Liliputaner, der sich Oskar angeschlossen hat, beobachtet wird und in der sich die Skrupellosigkeit und die Dummheit des Regimes offenbaren. Auch der Schlußakt des Filmes ist um eine Figur erweitert: Herr Feingold, ein Jude, der das Vernichtungslager Treblinka als einziges Mitglied seiner Familie überlebt hat, soll den Kolonialwarenladen der Matzeraths übernehmen und symbolisiert eindrücklich die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Doch so gelungen diese Szenen für sich selbst sein mögen, sie fügen sich irgendwie nicht richtig ein in Die Blechtrommel, die es mit ihrem manchmal seltsamen, manchmal tragischen Ton ohnehin schon geschafft hat, die Absurdität und Schrecklichkeit des Nationalsozialismus und seiner Unterstützer zu visualisieren. Zornesfalten treibt einem dann allerdings die Nachsynchronisation der zusätzlichen Szenen auf die Stirn. Diese wurde zwar mit viel Aufwand, wie einem Stimmenimitator für David Bennent, betrieben, wirkt aber in fast allen Momenten lieblos und ungenau, weil sie nicht lippensynchron ist. Das läßt diese Sequenzen leider noch zusätzlich aus dem Gesamtwerk Die Blechtrommel herausfallen. Ändern wird sich am Status des Filmes nichts, aber es kann in Zukunft ruhigen Gewissens auf die usprüngliche Fassung zurückgegriffen werden. Die ist ein Orchester, der Director's Cut nur ein kleiner Paukenschlag. 2010-07-20 14:24

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