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Ausgequetscht

Extract. USA 2009. R,B: Mike Judge. K: Tim Suhrstedt. S: Julia Wong. M: George S. Clinton. P: Ternion Pictures, F+A Productions, 3 Arts Entertainment. D: Jason Bateman, Mila Kunis, Kristen Wiig, Ben Affleck, J.K. Simmons, Clifton Collins Jr., Dustin Milligan, David Koechner u.a.
85 min. Kinowelt ab 15.7.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Erweiterte Szenen, Featurette über den Regisseur Michael Judge, Geschnittene Szene, Trailer, Fotogalerie.

Mehr Dummheit!

Von Patrick Hilpisch Dumme Menschen und dumme Ideen stehen seit jeher im Mittelpunkt der Serien und Filme von Mike Judge. Dabei müssen es nicht immer zwangsläufig die »Dummys« sein, die mit unterirdischen Einfällen glänzen. Natürlich hat Judge mit Beavis und Butt-Head zwei prototypische Dumpfbacken geschaffen, die mit überschaubarem Hirnschmalz dämliche Pläne schmieden und eine gehörige Portion Verwirrung, Chaos und Zerstörung hinterlassen. Und in Idiocracy lehrt er angesichts einer degenerierten zukünftigen Gesellschaft voller »Morons« alle Darwinisten das Fürchten. Doch immer wieder sind es auch die vermeintlichen Normalos, die durch innere oder äußere Umstände dazu »gezwungen« werden, dumm zu handeln.

In Office Space waren es etwa drei Angestellte eines Software-Unternehmens, die aufgrund von schlechten Arbeitsbedingungen und Stellenabbauwahn aktiv wurden. Mit einem auf den ersten Blick cleveren Plan wollten sie das ausbeutende Management ausbeuten. Das ging jedoch gehörig schief und endete nur durch die Kurzschlußreaktion eines – naja – etwas minderbemittelten Kollegen nicht fatal für die drei. Judges erster Spielfilm war eine treffsichere Satire auf den Arbeitsalltag in der Bürohölle, ein gesellschaftskritisches Plädoyer gegen hyperkapitalistische Managementstrategien und für eine selbstbestimmte Arbeitsmoral.

In Ausgequetscht dreht der Autor/Regisseur den Spieß um. Hier steht nun der mittelständische Unternehmer im Zentrum. Der »Self-made man« Joel Reynolds hat eine ertragreiche Firma für Pflanzenextrakte aus dem Boden gestampft. Die Belegschaft ist klein, schrullig bis verpeilt, doch der Laden läuft so gut, daß sogar lukrative Übernahmeangebote von der Konkurrenz ins Haus flattern. Das Einzige, was Joel derzeit zu seinem Glück fehlt, ist regelmäßiger Geschlechtsverkehr mit seiner Frau. Als jedoch ein Mitarbeiter einen Hoden durch einen Arbeitsunfall verliert, bekommt der amerikanische Traum Risse. Plötzlich muß sich Gutmensch Joel gegen aufmüpfige Arbeiter, einen geldgeilen Anwalt und eine trickbetrügende Schönheit wehren. Und eben diese bringt den sexausgehungerten Fabrikbesitzer auf dumme Gedanken. Ermutigt von seinem besten Freund, dem Barkeeper und selbsternannten Spiritisten und Heiler Dean, und einer ordentlichen Dosis Ketamin im Blut engagiert er einen Gigolo, der seine Frau verführen soll. Denn Joel ist auf einen Freifahrtschein für einen Seitensprung aus. Zu dumm nur, daß er dafür eigentlich viel zu nett ist.

Die Grundidee und die Charaktere, mit denen Ausgequetscht aufwartet, haben definitiv das Potential für eine deftige Satire über die kleinen Wehwehchen und größeren Katastrophen einer amerikanischen Mittelklasse-Existenz. Außerdem ist der Film mit Jason Bateman, Ben Affleck, J.K. Simmons und Kristen Wiig exzellent besetzt. Dem Regisseur gelingt es darüber hinaus immer wieder, abstruse Situationen abzubilden, die gerade noch ausreichend in der Realität verankert sind, um ein wissendes Kopfnicken und Schmunzeln beim Zuschauer zu evozieren. Der Subplot um den nervigen Nachbar Nathan ist hier ein gutes Beispiel und zeigt Comedian David Koechner in Hochform. Mike Judge beweist ein gutes Auge und Ohr für die feinen Eigenheiten des alltäglichen Lebens.

Am Ende reicht dieses gekonnte »Aufs Maul schauen« auf jeden Fall für einen netten Abend vor dem Fernseher. Ein Film, von dem man enthusiastisch seinen Freunden erzählt, ist Ausgequetscht jedoch nicht. Im Vergleich zu seinen früheren Filmen bleibt Mike Judge seltsam brav und unbissig. Die Nebenschauplätze und -figuren sind zwar ausreichend und nuanciert definiert, doch mit seinen Hauptfiguren geht er letztendlich zu gnädig und versöhnlich um. Wenn der Film dann nahezu höhepunktlos seinem Ende entgegenplätschert, wünscht man sich, daß er an manchen Stellen den Finger tiefer in die geschlagenen Wunden gelegt hätte – mehr Zotigkeit, mehr »unter der Gürtellinie«, und, naja, irgendwie mehr Dummheit. 2010-07-15 09:23

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