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Overlord

GB 1975. R,B: Stuart Cooper. B: Christopher Hudson. K: John Alcott. S: Jonathan Gili. M: Paul Glass. P: Joswend. D: Brian Stirner, Davyd Harries, Nicholas Ball, Julie Neesam, Sam Sewell, John Frankly-Robbins, Stella Turner u.a.
83 Min. Bildstörung ab 4.6.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Audiokommentar von Stuart Cooper, diverse Interviews, Kurzfilm A Test of Violence von Stuart Cooper, Propagandafilm Germany Calling, Dokumentarfilm Cameraman at War.

Kurzer Brief zum langen Abschied

Von Jochen Werner Samuel Fuller forderte einst, um die Wahrheit über den Krieg ins Kino zu tragen, müsse man mit einem MG ins Publikum schießen. Sein Diktum war immer wieder in der Kinogeschichte bestimmend für Filmemacher, die die narrative Struktur ihrer Filme buchstäblich zerschossen oder zu immer somatischeren Inszenierungsformen strebten – alles mit dem Ziel, ihren Zuschauern den vermeintlich festen Boden unter den Füßen wegzuziehen; sie im Chaos der Schlachten ebenso orientierungslos umhertaumeln zu lassen wie ihre Protagonisten.

Stuart Coopers Overlord (1975) könnte von diesem Ansatz, oberflächlich betrachtet, kaum weiter entfernt sein, und doch ist die Wirkung, die er in seinem oft stillen, mal träumerischen, dann halluzinatorischen Tonfall erzielt, nicht weniger zerstörerisch. Overlord erzählt vom D-Day durch die Augen des jungen Soldaten Tom Beddows, der frisch aus der Ausbildung in diese suizidale Schlacht geschickt und von der ersten fliegenden Kugel getötet wird. Ganz unheroisch geschieht das alles, Tom hebt für eine Sekunde den Kopf, das war's, die Schlacht werden andere schlagen, der Film ist nach nicht einmal 80 Minuten bereits vorbei, er hätte hier auch beginnen können. Schlag nach bei Spielberg.

Aber, den Krieg erzählbar machen, gar als Heldenepos, das interessiert Cooper überhaupt nicht. Overlord ist ein melancholisches Gedicht über den Krieg, und gleichzeitig eine Reportage. Die Sequenzen, die die äußerlichen Kriegshandlungen zeigen, stammen aus den Archiven des Imperial War Museum, und um diese herum hat Cooper mit minimalem Budget einige Sequenzen gedreht, die einem unter den zahllosen anonymen Toten der Kriegsmaschinerie einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte geben. Beddows ist ein schüchterner, jungenhafter Mann und so gar nicht für den Krieg geschaffen. Er weiß, daß er sterben wird, das schreibt er in einem erschütternden Brief an seine Eltern, und wie könnte er auch nicht sterben? Männer wie er, das weiß Overlord bereits sehr genau, sind die Todgeweihten, die in den Kugelhagel getrieben werden, während der eigentliche Krieg von den Maschinen ausgefochten wird. Ein unheimlich konzentrierter, knapper und ungeheuer lyrischer Film – ein kurzer Brief zum langen Abschied. 2010-10-18 10:05

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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