— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der schwarze Spiegel

The Dark Mirror. USA 1946. R: Robert Siodmak. B: Nunnally Johnson. K: Milton R. Krasner. S: Ernest J. Nims. M: Dimitri Tiomkin. P: International Pictures. D: Olivia de Havilland, Lew Ayres, Thomas Mitchell, Richard Long, Charles Evans, Garry Owen, Lela Bliss, Lester Allen u.a.
81 Min. Koch Media ab 4.12.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Bf: 1:1.37 anamorph. Ex: Originaltrailer, Bildergalerie, Booklet.

Spiegelspiele

Von Esther Buss Die Psychoanalyse ist im Hollywoodkino schon immer präsenter gewesen als im europäischen Film. Schließlich war sie in der amerikanischen Gesellschaft schon recht früh auf Akzeptanz gestoßen, in amerikanisierter Form versteht sich. Der Diskurs vom Verdrängten, von Trauma und Neurose, paßte insbesondere gut zu den zwielichtigen Figuren des Film Noir, über denen ganz buchstäblich viele Schatten lagen. Dabei wurde die Psychoanalyse meist zu einem simplen Instrument der Entschlüsselung trivialisiert. In diesem mitunter naiven Rätselspiel übernahm der Analytiker oftmals die Rolle des Detektivs, nur suchte er seine Beweisstücke nicht in Sofaritzen, sondern in der Psyche seiner »Patienten«. Berühmt geworden sind vor allem Alfred Hitchcocks psychologische Thriller, doch es gibt eine ganze Reihe weniger bekannte Film Noirs, in die Freuds Theorien – manchmal in recht haarsträubendem »Free Style« – Eingang gefunden haben. Robert Siodmak drehte The Dark Mirror 1946, ein Jahr nach Hitchcocks Spellbound. Der Film hält sich erst gar nicht mit einer langen Exposition auf: Gleich die erste Kamerafahrt endet auf dem Körper eines toten Mannes. Zeugen haben gesehen, wie eine Frau seine Wohnung verließ, doch eben diese Frau kann bezeugen, daß sie sich zur Tatzeit in einem Park aufhielt. Kurze Verwirrung bei der Polizei bis sich das Mysterium aufklärt. Man hat es hier mit zwei Zwillingsschwestern zu tun, die niemand unterscheiden kann (außer dem Zuschauer, was unlogisch ist, aber egal, es dient dem Suspense). Olivia de Havilland ist hier in einer Doppelrolle zu sehen, einmal als Ruth — freundlich, sanft, entgegenkommend — und dann als Terry. Hier agiert sie deutlich offensiver und ihr Tonfall ist so schneidend scharf, daß man Angst um die Schwester bekommt. Der Polizei geht es da anders, und weil Terry und Ruth die Aussage verweigern, kann die Verdächtige bzw. Mörderin nicht identifiziert werden. Also wird der Zwillingsspezialist und Autor des Buches »Who is who«, Scott Elliott, in den Fall miteinbezogen. Er löst ihn praktisch im Handumdrehen. Ein Lügendetektor hilft ihm etwas dabei, doch das eigentliche Entschlüsselungsinstrument sind Rohrschachtests oder »Tintenbilderkram« wie Ruth sie nennt. Während Terry eine Maske sieht, ein böses, schwarzes Lamm mit weißen Augen, eine Motte oder zwei Männer im Kampf um eine Frau, erkennt Ruth weitaus harmlosere Szenerien wie etwa zwei Männer in Kostümen, zwei alte Damen oder Schlittschuhläuferinnen. Das bringt Dr. Elliott schließlich zu der steilen Theorie, nach der Zwillingsschwestern wie Spiegelbilder seien, von denen das eine hell, das andere umso dunkler sei.

Das Verwechslungsspiel der Zwillingsschwestern ist nicht ganz so raffiniert wie es vielleicht sein könnte, doch Olivia de Havillands grandios doppelbödige Darstellung macht The Dark Mirror zu einem faszinierenden Werk des Film Noir. Reizvoll ist auch die Garderobe von Terry und Ruth, zu der eine Art Erkennungs- oder »Hundemarke« gehört: eine Halskette mit dem Vornamen bzw. eine Brosche mit seinem Anfangsbuchstaben. Der Film spielt überwiegend in Innenräumen, die Bilder sind eher nüchtern und sachlich, nur das gemeinsame Schlafzimmer der Schwestern verwandelt sich einmal in ein düsteres Schattenkabinett. Am Schluß steigert sich die »Dunkle« in eine atemlose Erzählung, in der sie die Rolle der Schwester einzunehmen versucht. Ihr Scheitern äußert sich in einer verzweifelten Geste, ein grotesk vergeblicher Versuch, das »helle Spiegelbild« auszulöschen: Sie zerstört den Spiegel, in dem soeben die Schwester wie eine Lichtgestalt aufgetaucht ist. 2010-05-13 17:25

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap