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Sexmission

Seksmisja. PL 1984. R,B: Juliusz Machulski. B: Jolanta Hartwig, Pavel Hajny. K: Jerzy Lukaszewicz. S: Miroslawa Garlicka. P: Zespól Filmowy Kadr. D: Olgierd Lukaszewicz, Jerzy Stuhr, Bozena Stryjkowna, Boguslawa Pawelec, Hanna Stankowa, Beata Tyszkiewicz, Ryszarda Hanin, Barbara Ludwizanka u.a.
109 Min. Al!ve ab 12.3.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Entfallene Szenen, Bilderschau, Kommentare, VHS-Trailer, Werbetrailer, Ostalgica Trailer.

Parabelflug in die Zukunft

Der polnische Science-Fiction-Klassiker Sexmission auf DVD

Von Stefan Höltgen Auf den ersten Blick, der bei einem Film notwendigerweise ja immer auf die Paratexte, das Cover und den Titel, fällt, würde man nur schwer glauben, daß es sich beim Film Sexmission um einen Science Fiction-Film handelt: Der Unterkörper einer Frau im schwarzen G-String mit hochhackigen, goldenen Schuhen, zwischen ihren Beinen ein angebissener Apfel. Im Bildhintergrund eine Barbusige, dann noch eine Frau in Dessous mit provokativ gespreizten Beinen in der Rückansicht – und schließlich, ganz unten, zwei entsetzt schauende Männer und eine schwach dargestellte Zahl: 2044.

Die beiden Männer sind die letzten auf der Welt und die Zahl stellt das Jahr der Filmhandlung dar. Bei einem Tiefkühlexperiment im Jahre 1991 sind sie nicht, wie vertraglich vereinbart, nach zwei Jahren, sondern erst nach 54 Jahren, 2044, wieder aufgetaut worden. Sie sind gleichermaßen amüsiert und entsetzt, als sie erfahren, daß es einen Krieg gegeben hat, in dessen Folge alle Männer vom Erdboden verschwunden sind und daß die Frauen nun die Menschheit repräsentieren und sich via Parthenogenese, also Jungfrauen-Zeugung, vermehren. Zuerst glauben die beiden Männer, sie würden aufgrund von Quarantäne-Bestimmungen in ihrem fensterlosen Verlies festgehalten. Bald jedoch erfahren sie, daß man sie für gefährliche Relikte, für »die Zwischenstufe zwischen den Frauen und den Menschenaffen« hält, wie eine Wissenschaftlerin sagt und Experimente mit ihnen plant. Sie versuchen ihrem Gefängnis mehrfach zu entfliehen, werden jedoch immer wieder eingefangen. Denn einen richtigen Ausweg finden sie nicht: Die Welt der Frauen ist unterirdisch, die Erdoberfläche ist eine vom Krieg verwüstete und immer noch tödlich verstrahlte Einöde. Und dennoch wollen die beiden »Phallokraten«, als die sie in einem finalen Tribunal von den Frauen beschimpft werden, lieber oben an den Strahlen sterben als unten »naturalisiert«, also in Frauen verwandelt zu werden.

Das klingt überaus zotig und erinnert an Sexfilme der 1970er und 1980er Jahre, in denen andere Genres, auch der Science Fiction, persifliert wurden. Vom Gene Roddenberrys Planet Earth (1974) bis zum Zeichentrickfilm Der große Knall (1987) reichen die matriarchalen Utopien, die in der Persiflage Amazonen auf dem Mond (1987) ihre vielleicht treffsicherste Persiflage erfahren haben. Der polnische Sexmission ist in dieser Hinsicht recht unbekannt geblieben und vielleicht in seiner dystopischen Qualität auch gar nicht so recht erkannt worden, schaut man sich das Werbematerial einmal an, das auf der jetzt erschienen DVD enthalten ist: Als Sexfilm gewordener Traum jedes Mannes wird er von einer lasziven Frauenstimme beworben. Daß sich hinter dem 1984 von Juliusz Machulski gedrehten Film allerdings eine recht sarkastische ideologische Parabel verbirgt (die sogar heute noch einigen sexualideologischen Sprengstoff bereit hält) ist bei der zeitgenössischen Werbung unterschlagen worden.

Es ist nämlich alles gar nicht so wie es scheint, in der Welt der Frauen. Das entdecken die beiden Helden, als ihnen die Flucht schließlich gelingt und sie hinter die Fassade blicken können. Dort zeigt sich eine autoritäre, auf Lügen basierende Gesellschaft, in der Geschichtsklitterung betrieben wird, um dem Feind (die längst als ausgerottet geltende »Seuche namens Mann«) auch noch das letzte bißchen Humanität abzusprechen. Wohin diese Dystopie im Polen des Jahren 1984 gezielt haben könnte, muß wohl nicht explizit erwähnt werden. Aber allzu schnell sollte man den Film auch nicht auf eine verborgene Ideologiekritik reduzieren. Sexmission verfällt beim Vorführen seines ideologieverbrämten Matriarchats zwar zweitweise ins Zotige; schildert seine Frauen als technische Analphabetinnen, läßt sie in Ohnmacht fallen, sobald ein Mann sie küßt, und zeichnet insgesamt ein überaus eindimensionales Bild vom weiblichen Geschlecht. Doch Vorsicht ist geboten vor einer allzu undialektischen Lesart, denn im weiblichen Stereotyp spiegelt sich das männliche hier umso deutlicher: Die beiden Helden sind Chauvinisten und daß sie das sind, wird erst vor dem Hintergrund ihrer Begegnung mit dem Anderen ersichtlich. Die Pointe der Erzählung offenbart dies nur allzu deutlich.

Das Label »Ostalgica« hat in der Vergangenheit schon einige Science Fiction-Klassiker zutage gefördert, die in der Menge der Wiederveröffentlichungen bislang keine Berücksichtigung gefunden hatten. Zuletzt war etwa die Stanislaw Lem Adaption Testflug zum Saturn erschienen. Daß allerdings nicht nur Ost-Klassiker bei »Ostalgica« erscheinen, offenbart ein Blick ins Programm schnell: Jüngstes »Rettungsgut« ist die US-amerikanische Kalte-Kriegs-Dystopie Panik im Jahre Null (1962). Für die DVD Sexmission hat man sich bemüht, einiges Zusatzmaterial zusammenzutragen. So enthält die DVD entfallene Szenen, Informationstafeln über die Geschichte der Parthogenese sowie Trailer und sogar einen Kommentar.

Das Bild der DVD ist adäquat aufbereitet. Man wundert sich zunächst etwas über die seltsamen Licht-Kontraste: Lampen im Bild tragen deutliche Auren und ihr Licht reißt sternförmig aus … bis einem klar wird, daß es der typische Chic des 1980er Jahre Science Fiction ist, der hier in der Verwendung von Trickfiltern zutage tritt und in der Kostümierung der Frauen (mit Hotpants und Rollerblades) ebenso seinen Niederschlag findet. Man ist also gut beraten bei Sexmission auf die Details zu achten. Denn nur ein einziges Mal – in der allerletzten Einstellung – wird ein Detail so stark hervorgehoben, daß auch dem Zuschauer eindeutig klar wird, daß der Film eine Parabel ist, die vielleicht auch heute noch kritisches sexualideologisches Potenzial besitzt. 2010-04-29 10:31

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