— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Tatort: Thiel/Boerne-Box

D 2002-2005. R: Peter F. Bringmann, Buddy Giovinazzo, Manfred Stelzer, Susanne Zanke. B: Jan Hinter, Stefan Cantz, Wolfgang Panzer. K: Johannes Geyer, Egon Werdin, Tamas Ujlaki, Florian Hoffmeister. S: Bernd Schriever, Manuela Kempf, Ingo Ehrlich, Katja Dringenberg. M: Oliver Gunia, Paul Vincent Guina, Danny Dziuk, Lutz Kerschowski, Rainer Michel, Rick Giovinazzo. D: Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Sandra Leonhard, Dieter Kirchlechner, Mechthild Großmann, Claus Dieter Clausnitzer, Christine Urspruch, Renate Schroeter u.a.
349 Min. Buena Vista ab 25.2.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1, 1.78:1 anamorph. Ex: Drehberichte, Kurzportraits, Trailer u.a.

Klischee geladen und abgefeuert

Von Alexander Scholz »Immer diese Klischees« entfährt es Nadeshda gegenüber ihrem burschikosen Vorgesetzten, als dieser die Trinkfestigkeit der slawischen Völker und deren rauschende Feste preist. Nach einem Schnitt sind tanzende wodkaselige Damen zu sehen und ein Hauptkommissar Thiel, der seinen eigenen Gemeinplatz bis weit über die Schmerzgrenze hinaus verteidigt. Und genau so funktioniert ein Müsteraner Tatort: Das Setzen von Grenzen dient stets als Ansage, diese sogleich einreißen zu wollen. Das klappt nicht immer so unterhaltsam, wie in der beschriebenen Szene, ist gerne auch über den schuljungenhaften Humor hinausgekalauert und fern jeder Subtiltiät. Der Wiedererkennungswert, der indes beschworen wird, sucht unter den Tatort-Ermittlern seinesgleichen. Während man in Bremen oder München neben den Verbrechern immer auch sich selbst sucht, wird der Zuschauer bei den Folgen aus Münster in der heimeligen Sicherheit gewogen, daß die Charaktere sich niemals hinterfragen würden.

Thiel und Boerne stehen sich in ihrer Stereotypie so produktiv gegenüber, daß jeder Szene – spielt sie nun in einer Arbeiterkneipe oder auf dem Golfplatz – etwas nahezu Exotisches anhaftet. Das Potenzial zur humoristischen Überhöhung dieser Fremdartigkeit ist immer schon da. Es bedarf der Dosierung, um aus dieser Ausgangssituation Serialität statt Redundanz zu schöpfen. Außerdem ist da ja noch dieser ärgerliche Mordfall, der vor lauter St. Pauli, Kifferwitzen, und Sportwagenegozentrik allzu leicht ins Vergessen geraten könnte. In Dunkler Fleck, der ersten Folge der beiden Spaßvögel, ist dementsprechend jede Szene Kennenlernen, jeder Dialog Lebensgeschichte und jeder Anflug von kriminalistischer Aufklärungsarbeit lästig. Sogar der Fall orientiert sich an dem Verhältnis der beiden Protagonisten zueinander: Zwei Ermittlungen, die selbstverständlich zusammengenommen das soziale Spektrum Münsters ausloten, werden ineinander verflochten und aufgeklärt. Es fehlt weder das spießige Landhaus des Adels, noch der Hinterhof der Kaserne, auf dem Gaststar Michaela Schaffrath das Plastikdekolleté mit einem Gartenschlauch befeuchtet wird. Allzu ernst nimmt dieser Tatort sich also nicht, was hervorragend zu seinen Protagonisten passt. Daß die weiteren Charaktere aus Münster allerdings oft nur als Projektionsflächen der beiden agieren, ist in dieser klar strukturierten Aufmerksamkeitshierarchie fast unumgänglich – und trotzdem schade. Obwohl mit der hinreißenden Kommissaranwärterin Nadeshda, Staatsanwältin Klemm und Rechtsmedizinerin Haller alias Alberich halbwegs interessante Figuren zur dramaturgischen Verfügung stehen, müssen diese sich das Bild fast immer mit den einnehmenden Ermittlern teilen.

Genauso wie die Anzahl der relevanten Personen durch die Herangehensweise an diesen Tatort beschränkt wird, verhält es sich auch mit den Themen. Will man das Krimiformat auch als leicht verschmierten Spiegel gesellschaftlicher Diskurse betrachten, wird man bei Thiel und Boerne weitgehend enttäuscht. Der Versuch sich ernsterer Stoffe anzunehmen scheiterte beispielsweise in der letzten TV-Ausstrahlung Tempelräuber kläglich. Es wurde bisher schlicht kein Ausgleich zwischen komödiantischer Überhöhung und inhaltlicher Bodenständigkeit gefunden. Stattdessen wird der beißende, manchmal überhebliche Spott, den andere Tatorte über der deutschen Provinz ausschütten, in Münster unterlaufen. Mit Thiel und Boerne wurden zwei Figuren gefunden, die in ihrer Andersartigkeit selbst Provinz genug sind: Am Rande des gesellschaftlichen Mainstreams, jedoch im Zentrum seines Humors. Eine Konstellation, die geographisch kaum besser repräsentiert sein könnte, als in Münster.

Die DVD-Box vereint nun vier repräsentative und aus den genannten Gründen recht homogene Fälle der beiden Ermittler. Der doppelte Lott, die Folge mit dem Klischeespruch von Nadeshda, könnte sich von den andern drei Krimis noch etwas abheben, steht sie doch außerhalb der chronologischen Reihenfolge, die die weiteren Tatorte in der Box verbindet. Stattdessen kulminiert hier, was sich in den vorangegangenen 270 Minuten abzeichnete: Aus einer schwulen Diva werden die letzten Kalauer herausgepresst, die das Thema Homosexualität noch zu bieten scheint, während sich ein populistischer Volkstribun Münster zum Spaß unter den Nagel reißen will und Tollpatsch Thiel sich unglücklich in eine Kriminelle verliebt. Letzteres war in 3 x schwarzer Kater schon dem extravagenten Boerne gelungen, der eine nymphomane Rollstuhlfahrerin mit flotten Behindertenwitzen zu beeindrucken wusste. Kurz darauf zeigt uns die Kamera den privaten Blick auf den Rechtsmediziner, wie er mit Thiels Hilfe Schuhe kauft. Ganz so, als würden die beiden sonst so selten etwas gemeinsam unternehmen. In Fakten, Fakten steht der Fall am ehesten im Mittelpunkt, wird allerdings durch eine Verortung in Boernes gesellschaftlichen Verkehrswegen wieder an die übliche heimelige Privatheit rückgekoppelt.

Die Meinung, daß sich Thiel und Boerne genauso wenig weiterentwickeln, wie die Filmsprache, die von ihnen erzählt, wird von den Machern der DVD-Box geteilt. Anders wäre die Auswahl der Folgen (die neuste Folge ist von 2005) kaum zu rechtfertigen. Extras wie die besten Momente von Alberich oder das lieblos durch alle Menüs hindurchdudelnde Tatort-Thema laden ebenso wenig zum Kauf ein. Wer die Münsteraner Ermittler zudem besonders als auflockerndes Intermezzo zwischen den ernsteren Kollegen schätzt, wartet lieber auf eine Wiederholung im Fernsehen. 2010-02-25 13:02

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