Downloading Nancy

USA 2008. R: Johan Renck. B: Pamela Cuming, Lee Ross. K: Christopher Doyle. S: Johan Söderberg. M: Krister Linder. P: Tule River Films, World Premiere Entertainment. D: Maria Bello, Jason Patric, Rufus Sewell, Amy Brenneman, David Brown, Matthew Harrison, Justin Scot, Josh Strait u.a.
98 Min. Senator ab 15.1.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1.). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph.

Emotionale Einbahnstraße

Von Patrick Hilpisch Es war kein euphorisches Klatschen, das nach der Premiere von Downloading Nancy auf dem Sundance Film Festival 2008 die Geräuschkulisse bestimmte. Schon während der Vorführung mischte sich immer wieder der Klang einer zufallenden Tür in den Soundtrack des Psychodramas. Bei einem Film, der mit der Tagline »The most controversial film you will see this year« wirbt, sollte dies eigentlich nicht besonders überraschen. Doch die Regelmäßigkeit, mit der das Premierenpublikum schrumpfte, sorgte dann doch für Erstaunen bei Cast und Crew.

Die meisten Kritiker hatten zwar anerkennende Worte für die mutigen schauspielerischen Leistungen, allen voran Maria Bello, haßten jedoch den trostlosen und morbiden Ton des Films. Downloading Nancy sei ziellos, erbarmungslos, exploitativ und gekünstelt, so die Mehrheit der Filmexperten. Die großen kontroversen Diskussionen, die einen lukrativen Bekanntheitsschub für Johan Rencks Debütfilm bedeutet hätten, blieben aus, wurden von der Einhelligkeit bei Kritik und Publikum überdeckt. Der Film lief in einigen wenigen Kinos – und verschwand dann schnell von der Bildfläche.

Nun liegt Downloading Nancy auf DVD vor. Nackt. Ohne Extras, die über Vorgeschichte, Produktion oder Reaktionen nach der Premiere aufklären. Was bei einem Film, der, von einer wahren Begebenheit »inspiriert«, ein Tabuthema aufgreift, eigentlich ziemlich ärgerlich, angesichts der mageren Resonanz und Einspielergebnisse jedoch verständlich ist.

Thematisch weist Downloading Nancy eine gewisse Nähe zu Filmen wie Michael Hanekes Die Klavierspielerin, Marina de Vans Dans ma peau oder Martin Weitz' Rohtenburg auf. Nancy, eine durch ein Kindheitstrauma emotional zutiefst gestörte Frau, steckt in einer gefühlskalten Ehe fest. Sie sucht ihr Heil in autoaggressivem Verhalten und masochistischen Todesphantasien. Zunächst lebt sie letztere virtuell in der Anonymität des Internets aus, bis sie jemanden findet, der ihren Todestrieb in die »richtigen« Bahnen lenkt.

Der Fall, der dem Drehbuch zu Downloading Nancy zugrundeliegt, machte 1996 in den USA Schlagzeilen. Die 35-jährige Internetunternehmerin Sharon Lopatka hatte sich online auf die Suche nach einem Mann gemacht, der sie zu Tode quälen sollte. Robert Frederick Glass, ein 45-jähriger Computeranalyst aus North Carolina, erfüllte ihr ihren Wunsch. Die Tötung auf Verlangen und die plötzliche Wahrnehmung der Existenz einer paraphilen Parallelwelt im Internet sorgten damals für angeheizte Diskussionen über von der Norm abweichende Sexualpraktiken wie etwa Sadomasochismus und die Gefahren des World Wide Web.

Mit der ursprünglichen Begebenheit hat Johan Rencks Film nur noch das Grundgerüst gemein. Downloading Nancy ist dabei weder exploitativer »Torture Porn« noch verstörend-einfühlsames Buhlen um Verständnis für die Lust am Schmerz. Der ehemalige Musiker und Musikvideo-Regisseur unternimmt vielmehr den Versuch, das Psychogramm einer innerlich abgestorbenen Frau mit einer Abhandlung über das Versagen von allgemeingültigen Instanzen und Konzepten zu verbinden. Renck hinterfragt das konventionelle Verständnis von Liebe, stellt die moderne Psychotherapie und das traditionelle Familienbild auf den Prüfstand. Er wirft die provokante Frage in den Raum: Wie hilft man – dieser Grundpfeiler beraubt – einem Menschen, der sich nicht helfen lassen will?

Johan Renck gibt in seinem Film Antworten, die das wahre Leben Sharon Lopatkas nicht geben konnte. Das Kindheitstrauma Nancys; das autoaggressive Verhalten; die Gespräche mit der Therapeutin; die Ehe-Hölle mit ihrem emotional verkrüppelten Mann; der sadistische Vollstrecker, der sich verliebt, zweifelt, und dann doch aus Mitgefühl zum Täter wird – all das spinnen die Drehbuchautoren um das Schicksal der »echten« Nancy. Sie erschaffen eine psychologische Erklärungsebene für Nancys Zustand, die in dieser Form bei Sharon Lopatka nicht vorhanden war. Die Motive für ihre Entscheidung für einen gewaltsamen Tod blieben ungeklärt und somit in ihrer Undurchsichtigkeit eigentlich noch erschreckender und verstörender als die im Film dargestellten.

Eine befriedigende Antwort auf die ihm zentrale Frage kann (und will) der Film nicht geben. Und das ist auch der Grund, warum Downloading Nancy eben jenen Eindruck von Erbarmungslosigkeit und Ziellosigkeit hinterläßt. Der Film bildet ein Dilemma ab, für das es keine Lösung gibt. Nancy befindet sich auf einer emotionalen Einbahnstraße in die Verdammnis, und Renck begleitet sie auf diesem Weg mit eiserner Konsequenz und einem ansehnlichen Arsenal an narrativen und inszenatorischen Kniffen.

Ein umfassendes Gefühl von Unbehagen – darauf scheint die gesamte Inszenierung, das Schauspiel, die Optik, die Struktur des Filmes, ausgelegt. Und in dieser Hinsicht ist Johan Rencks Regieansatz lange Zeit erfolgreich und das Drehbuch stimmig. Doch in dem Moment, in dem sich die Beziehung zwischen Nancy und ihrem »Henker« Louis intensiviert, Gefühle ins Spiel kommen, kippt der vormals homogene Eindruck. So verkommt die Darstellung der sadomasochistischen Sexszenen in der Renckschen Inszenierung zu fast massentauglichen erotischen Spielereien, die vorrangig und zu bereitwillig einen zwangsläufigen Voyeurismus bedienen.

Maria Bello und Jason Patric strahlen in diesen Szenen trotz oder gerade wegen ihrer überzeugenden schauspielerischen Leistung eine Sinnlichkeit aus, die dem verstörenden Grundton des Films eher entgegenwirkt. Mit einfachen Auslassungen oder Andeutungen wäre die Gratwanderung zwischen intensiver dramaturgischer Darstellung und purer Schaulust wahrscheinlich überzeugender gelungen. Schwer nachvollziehbar ist auch die Entscheidung der Drehbuchautoren, Louis in der finalen Konfrontation mit Nancys Ehemann zu einer Art moralischen Instanz zu erheben.

Was bleibt, ist ein Film, der ein Tabuthema mit einer beachtlichen formalen und erzählerischen Zielstrebigkeit angeht, die er jedoch nicht bis zum Schluß aufrecht erhalten kann und so Glaubwürdigkeit und Potenzial verschenkt. Ein Film mit intensiven Darbietungen der Schauspieler, die durch das ein oder andere Zugeständnis an ein vermeintlich massenkompatibleres Drehbuch zu verwässern drohen. Ein Film, vor dem man die Tür verschließen kann, aber nicht muß. 2010-02-18 10:47

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