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Sukiyaki Western Django

J/USA 2007. R,B: Takashi Miike. B: Masa Nakamura. K: Toyomichi Kurita. S: Yasushi Shimamura. M: Koji Endo. D: Hideaki Ito, Masanobu Ando, Koichi Sato, Kaori Momoi, Yusuke Iseya, Renji Ishibashi, Yoshino Kimura, Quentin Tarantino u.a.
95 Min. UFA ab 12.6.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1.). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph.

Der west-östliche Regiewahn

Von Daniel Bickermann Auf der einen Seite Samuel Huntington und Rudyard Kipling, auf der anderen Helmut Kohl und Goethe. Erstere prophezeiten, Ost und West wären ewig unvereinbar, letztere sahen Perspektiven des Zusammenwachsens. Filmwissenschaftler und vor allem Westernfreunde wissen bereits, daß da zwar nichts zusammenwächst, aber doch einiges zusammengehört: 1954 und 1961 beispielsweise drehte Akira Kurosawa, beeindruckt unter anderem von den geradlinigen Western John Fords, mit Die sieben Samurai und Yojimbo zwei archetypische Samuraifilme, die wenige Jahre später dann von John Sturges und Sergio Leone zu Die glorreichen Sieben und Eine Handvoll Dollar umgewandelt und wieder zurück in den amerikanischen Western transportiert wurden, den sie dann noch mal maßgeblich prägten. Einmal Japan und zurück, bitte.

Nun hakt Miike in seinem neuesten Aufreger Sukiyaki Western Django alle wichtigen Elemente dieser typischen Western erneut ab: die zwei Banden im verlassenen Wüstenkaff, die sich unversöhnlich gegenüberstehen; der namenlose Fremde, der aus reiner Destruktionsfreude und aus Hilfsbereitschaft gegenüber der verbliebenen Dorfbevölkerung die beiden Seiten gegeneinander ausspielt; dazu eine Hure mit Herz aus Gold, ein bißchen Romeo und Julia, eine Goldschatzlegende, ein Fluch, alles drin. Trotzdem ist der Filmemacher weit davon entfernt, diese Topoi nationalbewußt zurück in die japanische Tradition holen zu wollen. Wie der Titel schon andeutet, schwebt ihm eher ein heterogener Mischmasch der Kulturen vor. Das ist ihm gelungen – und so vieles mehr.

Auf die zahlreichen Mängel, die ein Filmliebhaberleben ohne die Existenz von Takashi Miike erleiden müßte, wurde bereits in unseren Kritiken zu Like a Dragon und Gozu ausführlich eingegangen, aber eben auch auf die Unmöglichkeit, den Irrsinn seiner Regiemethode adäquat in einem Text zu beschreiben. Eine Aufzählung markanter Elemente hilft dabei manchmal: Wir beginnen den Prolog dieses Films beispielsweise mit Quentin Tarantino in einer ausführlichen Gastrolle als »Piringo«, der vor einer artifiziell bemalten Leinwand mit aufgehender Sonne und Mount Fuji steht, für die man sich selbst bei den Karl-May-Festspielen schämen würde. Im Hintergrund quietscht das Windrad aus Spiel mir das Lied vom Tod. Piringo trifft auf eine Handvoll wild grimmassierender Bösewichte, die theatral ihre Klischeetexte rezitieren, als stünden sie auf einer Beckett-Bühne. (Was durchaus stimmig ist, schließlich tragen sie Melonen wie Vladimir und Estragon in Warten auf Godot.) Tarantino rezitiert mit voller Inbrunst und schamlosem Spaß ein langes und gestelztes Stück einer japanischen Heldendichtung aus dem 14. Jahrhundert, erschießt dann die Gangster, kocht sich ein schmackhaftes Sukiyaki und singt danach seine Begeisterung darüber hinaus. Vorspann. Willkommen in der Welt des Takashi Miike.

Tarantinos Anwesenheit hier ist nicht nur durch seine jahrelange Verehrung des Trash-Mavericks Miike zu erklären, sondern auch inhaltlich stimmig, schließlich versucht Sukiyaki Western Django für den Western das gleiche, was Tarantinos Inglourious Basterds für den Kriegsfilm erfolgreich vollbracht hat: radikale historische Dekontextualisierung. Hier kämpft Armbrust gegen Revolver gegen Samuraischwert gegen Schrotflinte – und welche Teufelsmaschinerie sich in dem eigens herangeschafften Sarg befindet, weiß natürlich auch jedes Kind. Dazu läuft Koji Endos Ennio-Morricone-Gedenkmusik, Menschen halten schizophrene Gollum-Dialoge und werden von Kreuzen gepfählt, und die (in Katakana-Schrift) als »Nevada« bezeichnete Region bietet erstaunlich viele japanische Gebäude und eine Tendenz zum urplötzlichen Schneefall auf. Gleichzeitig ist die Handlung dem japanischen »Heike«-Mythos aus dem 12. Jahrhundert nachempfunden, und die Figuren haben, willkommen in der Postmoderne, anscheinend Kurosawas Yojimbo bereits gesehen, sie schmücken sich mit Piercings und lesen begeistert Shakespeare und Mangas. Und als ganz eigene Erfindungen wirft Miike noch eine Pistolero-Großmutter, einen grandios schönen, aber in Nevada leider völlig deplazierten Kratersee und eine pankulturelle, aber sicherlich indigene Schamanin mit in den Mix. Ach ja, und Digeridoos. Erwähnte ich die Digeridoos schon?

Miike unter- und umläuft also mal wieder alle Erwartungen und jeden Hauch von gesundem Menschenverstand. Er schraubt extreme Gelb- und Rotfilter vor die Kameras, paart diese mit einer ähnlich radikalen Farbdramaturgie der Requisiten und Bauten, frönt wieder seinen Lieblingslastern wie übermäßigen Rückblenden und Voice-Overn, blutigem Sex und dem inzwischen schon traditionellen, haarsträubenden Overacting seiner übermenschlichen Bösewichte, deren zahnlückiges, irres Lachen ein Dutzend Sekunden zu lange dauert – lange genug, um den Bogen von Bedrohlichkeit zur Lächerlichkeit und zurück zur wirklich verstörenden Bedrohlichkeit zu schlagen. Und so klatschen in einem unglaublich blutigen, 30minütigen Showdown zahlreiche Blutspritzer auf der Kameralinse, der Zuschauer verliert langsam jegliches Gefühl für Vernunft und Realismus, und Tarantino taucht noch einmal als seniler Waffenhändler im mechatronischen Rollstuhl auf, der als gestrenger Mentor eine Revolverheldin lehrt, daß sie erstmal lernen muß, Sukiyaki richtig zuzubereiten, bevor sie die Kunst des Tötens perfektionieren kann. Und wenn Miike dann im Nachspann den ganzen Film schnell noch als Prequel zu Django deklariert, weil eine Figur später »nach Italien« gehen soll, dann glaubt man beinahe, den großen Unsinnsmann im Hintergrund kichern zu hören – und fragt sich viel zu spät, wie er denn auf den Gedanken käme, Django würde in Italien spielen. Wie mit allem anderen hat Miike tief drunten natürlich recht, obwohl es das Hirnrissigste überhaupt ist. 2010-02-15 14:02

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