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Der geteilte Himmel

D 1964. R,B: Konrad Wolf. B: Kurt Barthel, Willi Brückner, Christa Wolf, Gerhard Wolf. K: Werner Bergmann. S: Helga Krause. M: Hans-Dieter Hosalla. P: DEFA. D: Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger, Erika Pelikowsky, Günther Grabbert, Horst Jonischkan u.a.
116 Min. Absolut Medien ab 20.3.10

Sp: Deutsch (DD 1.0). Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Porträt über und Gespräche mit Christa Wolf, Booklet mit einem Essay von Ulla Unseld-Berkéwicz.

Welten brechen auf, Himmel stürzen ein

Von Susan Noll Eine gerade Allee, umsäumt von haushohen Pappeln, der Blick in den Himmel, so weit, wie er es zuläßt. Rechts und links die Bäume wie auf eine Perlenschnur aufgezogen. Symmetrie, wohin das Auge blickt in diesem Film, ausgeglichene Bildkompositionen, die eine schöne Gleichmäßigkeit herstellen. Dann aber wieder: die verkantete Kamera, die Unordnung schafft, das Gleichgewicht stört. Und es wird klar: Ein als fix geglaubtes Weltbild gerät aus den Fugen. So wie das Leben der jungen Rita, die sich in einen Mann verliebt, der schließlich in den Westen flieht. In weichem Schwarzweiß inszeniert Konrad Wolf nach der Erzählung von Christa Wolf die Geschichte dieses Paares, die auch die Geschichte eines Landes ist. Die DDR als Schauplatz, soziale und fiktive Wirklichkeit zugleich als Hintergrund für Ritas Leben. In ihren Augen spiegelt sich eine ganze Welt, und sie zerbricht urplötzlich, als auch die Beziehung zu Manfred durch sein Verschwinden in die Brüche geht. Vom Krankenbett aus erzählt sie in der Rückschau ihre Geschichte. Kunstvoll wird dabei die Vergangenheit mit der Gegenwart verwoben, durch Schnitte, die das Alte an das Neue montieren, dabei Platz schaffen für den Zwischenraum der Zeit. Aus der Zeitgeschichte macht die Schriftstellerin eine Individualgeschichte, wie sie dem kollektiv ausgerichteten Sozialismus, in dem sich Ritas und Manfreds Leben abspielen, widerstreben. Und so müssen sich auch die zwei Figuren mit dieser Diskrepanz auseinandersetzen, sich zwischen eigenem Bedürfnis und dem Gefühl der Verbundenheit zu einem Land entscheiden. Während sich Rita für eine Zukunft im Osten begeistern kann, ist Manfred von Zweifeln geplagt.

Die Literaturvorlage von Christa Wolf ist das eindrucksvolle Beispiel einer politischen Liebesgeschichte. Deren lakonischen, gedankenverhangenen und abstrakten Ton übernimmt der Regisseur Konrad Wolf in seinen Film. Die Symmetrien im Bildaufbau, die Schnitte, die besonders die Blicke inszenieren und zu einer ganz eigenen Form des Match Cut finden, das poetische Schwarzweiß mit seinen Licht- und Schatteneffekten; all dies Mittel, die dem Buch Tribut zollen. Denn ebenso wie die Erzählung ist sich auch der Film seiner Form bewusst und erinnert nicht von ungefähr an die Nouvelle Vague: Dialoge, die in stichwortartiger Manier ein Gespräch in der Rückblende und der Gegenwart verbinden, Standbilder, eine bewusste Vermeidung von Tiefenschärfe, ein Spiel mit Perspektiven und Einstellungsgrößen. Das Große spiegelt sich im Kleinen, wie es auch inhaltlich in Ritas Figur umgesetzt wird.

Absolut Medien und der Suhrkamp Verlag, in dessen Filmedition diese DVD erschienen ist, haben eine feine, reichhaltige Auswahl an Extras getroffen, die den Kontext des Films tiefer beleuchten und nicht nur zur Zierde das Inhaltsverzeichnis schmücken. Eine zweite DVD enthält den Fernsehfilm Selbstversuch von Peter Vogel, der ebenfalls nach einer Erzählung von Christa Wolf entstand. Darüber hinaus gibt es umfangreiche Ausschnitte aus einem Zeitzeugengespräch, das Thomas Grimm mit Christa und Gerhard Wolf führte, in dem auf biographische Details der bedeutenden Autorin eingegangen wird. Nicht zuletzt ist auch der Mitschnitt der Rede, die Christa Wolf am 4. November auf dem Alexanderplatz in Berlin hielt, ein Zeugnis der gravierenden Umbrüche der Zeit und des großen literarischen Ausdrucksvermögens dieser Autorin. Suhrkamp wird damit seinem Ruf als intellektuellster Verlag Deutschlands einmal mehr gerecht, schafft es aber auch, durch die Zusammenarbeit mit absolut Medien sein Repertoire in den Filmbereich effektiv und vor allem sinnvoll zu erweitern. 2010-03-18 10:18

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