Wendepunkt: Uwe
Von Werner Busch
Das erste Mißverständnis ist der Titel. Obwohl der Film inhaltlich zweifellos den Foltermord in der JVA Siegburg aufgreift, ist die kanadisch-deutsche Produktion, die im Original den schlichten Titel
Stoic trägt, kein Versuch den konkreten Fall nachzustellen.
Siegburg distanziert sich durch sein Setting und die formalen Mittel deutlich von allem, was an vorstellbaren Verfilmungen zunächst naheliegend erscheint. Der Film spielt in einem amerikanischen Gefängnis und die Gefangenen sind keine Jugendlichen. Aber das drängt sich nicht unmittelbar auf, denn der Zuschauer sieht nur sehr kurz die Uniformen der Wachen. Ansonsten befindet er sich über die volle Laufzeit von 90 Minuten mit den vier Hauptfiguren in einem Raum. Die graue, anonymisierende Sträflingskleidung setzt sich im Grau der Zellenwände fort, das durch blasse Lichtsetzung zusätzliche Bedrohlichkeit gewinnt. Unterbrochen lediglich durch Interviewsequenzen mit den Protagonisten, die scheinbar mit einem Ermittler reden, den wir aber weder sehen noch hören. Die Darsteller sitzen vor schwarzem Molton. Die Bezugspunkte zu Zeit und Raum verschwimmen und der Film erreicht durch diesen experimentellen Ansatz eine große Dichte.
Siegburg schafft es, wie vielleicht noch kein Gefängnisfilm zuvor, das beklemmende Gefühl von Gefangensein und Ausgeliefertsein auf den Zuschauer zu übertragen. Obwohl sein Regisseur in der Öffentlichkeit gerne die schockierenden Folterszenen hervorhebt, ist es der hervorragend transportierte psychologische Terror, der
Siegburg zu einem sehr bedrückenden und damit großartigen Filmerlebnis macht. Erst im und mit dem Kopf des Zuschauers entwickelt der Film seine Schlagkraft.
Bemerkenswert ist außerdem, daß
Siegburg auf klare Schuldzuweisungen verzichtet. Obwohl man klar in Täter und Opfer zu unterscheiden glauben kann, lässt die Zeichnung der Figuren, die sich gegenseitig anstacheln, schikanieren und erpressen, keine Schwarzweißmalerei zu. Auch vermeintlich positive Figuren werden zu Bestien. »Siegburg« steht hier nicht für einen zeitgeschichtlichen Fall, sondern für eine Situation. Er wirft sehr unangenehme Fragen auf, die nachhaltig beschäftigen.
Das zweite Mißverständnis ist die Personalie Uwe Boll. Der Regisseur und Autor von
Siegburg steht im Rufe »der schlechteste Regisseur der Welt« zu sein. Diese weitverbreitete Ansicht hat ihren Ursprung allerdings weniger in der tatsächlich zweifelhaften Qualität seiner Filme, als vielmehr in einem Internet-Hype. Ursächlich dafür sind die Videospielverfilmungen, mit denen der in Wermelskirchen geborene Boll seit 2003 für Aufruhr in der Spielergemeinde sorgte. Die überaus trashigen und inszenatorisch immer zweifelhaften Verfilmungen von
House of the Dead oder
Alone in the Dark wurden von den Fans der Spielevorlagen, die die Helden ihrer Kindheit in Gefahr sahen, zu einem Verbrechen an der Menschlichkeit erklärt. Der Name Uwe Boll wurde durch das Internet in unmittelbar kurzer Zeit zu einem Haßbegriff. Wer in einem Forum, einem Blog, einem Comment, seinen Haß auf Boll zum Ausdruck brachte, häufig ohne dabei überhaupt einen Film von ihm gesehen zu haben, der war voll im Zeitgeist-Soll. Mit Bolls jüngsten Filmen, spätestens mit
Siegburg, muss dieses Gerücht der Vergangenheit angehören. Trotz der Vielzahl an filmischen Gurken in Bolls Werkschau ist und bleibt
Siegburg ein herausragender Film. Er hat genau das, was dem deutschen Kino unserer Tage, selbst seinen besten Vertretern, eigentlich immer fehlt: Radikalität, Kompromißlosigkeit und Mut.
2010-02-08 14:04