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I Hired a Contract Killer

FIN/GB/D/S/F 1990. R,B,S: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. M: Joe Strummer, Billie Holiday, Carlos Gardel u.a. P: Channel Four Films. D: Jean-Pierre Léaud, Margi Clarke, Kenneth Colley, T.R. Bowen, Imogen Claire, Angela Walsh, Cyril Epstein, Nicky Tesco u.a.
76 Min. Pandora Film ab 4.12.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Französisch. Bf: 1.77:1. Ex: Trailershow.

In your face, Subtilität!

Von Alexander Scholz Es bedarf nicht der Farbe, damit das Paris der 1960er Jahre lebhaft wirkt – Jean-Pierre Léaud reicht völlig. In der dokumentarisch-fiktiven Mixtur Masculin Féminin – einem Meilenstein der Nouvelle Vague – ist es besonders diesem unbesorgt aufspielenden jungen Mann zu verdanken, daß die essayistische Arbeit Jean-Luc Godards durchweg höchst unterhaltsam bleibt. Der gleiche Darsteller wird wenig später als Alter Ego François Truffauts gemeinsam mit diesem den Antoine-Doinel-Zyklus beenden und dabei stets seine unverwechselbare Mimik einsetzen, die bei Léaud immer Vorbote der häufig wechselnden Stimmungen seiner Figuren ist. Wer solche Rollen gespielt hat, kann sich seines Platzes in der Filmgeschichte genauso sicher sein wie dem Stigma, das Gesicht einer Epoche darzustellen – und damit ewig auf einen Rollentypus festgelegt zu sein.


Man würde diesen Schauspieler also nicht zwingend in einem Film von Aki Kaurismäki erwarten. Vor allem nicht, wenn sich der frostige Autorenfilmer vornimmt, dem Genre/dem ästhetischen Ansatz/dem Hirngespinst (dieses Faß soll hier geschlossen bleiben) des Film Noir die Ehre zu erweisen. Zwielichtige Gauner und Gesetzeshüter waren bisher genauso wenig Léauds Metier, wie die minimalistische Inszenierung eines Regisseurs, der dafür bekannt ist, eine Szene lieber zu schneiden, bevor ein überflüssiges Wort gesprochen würde – nicht ohne trotzdem alles gesagt zu haben. Die Fremdartigkeit, in diesem Werk sowohl Attitüde als auch Methode, wird dadurch komplettiert, daß I Hired a Contract Killer in den tristen Vororten Londons spielt und der französische Schauspieler und der französische Charakter dadurch gezwungen sind, neben der sozialen auch die mindestens ebenso hohe Sprachbarriere zu überwinden. Kaurismäki missbraucht seinen Protagonisten unterdessen nie als »accent clown«, sondern akzentuiert mit seiner unaufgeregt sachlichen Herangehensweise die Einsamkeit, die hier bis in die (Film-)Sprache vorgedrungen ist. Während es im Film Noir noch die realen und metaphysischen Schatten der Figuren sind, die Mise en scène und Inhalt verknüpfen, sind es hier die verschiedenen Farben der Settings und die erschreckend ehrlichen Auskünfte der Figuren über sich selbst, die I Hired a Contract Killer seine Kohärenz verleihen. Der Autor versteht es mit diesem Ansatz und seinem trockenen Humor ein Stück Filmgeschichte gleichzeitig zu karikieren und zu glorifizieren. Wenn Kaurismäki in seinem Cameo dem verirrten Protagonisten eine rote Sonnenbrille verkauft, damit sich dieser notdürftig vor dem Auftragskiller verstecken kann, den er selbst auf seinen Kopf angesetzt hat, kulminiert die Herangehensweise des Regisseurs in subtilem Humor. Daß sich der nunmehr mäßig verkleidete Henri Boulanger (schon sobald sich ein Brite anschickt diesen Klischeenamen auszusprechen sind Fremdartigkeit und Humor vereint) nach dieser Szene in eine Bar begibt, in der Joe Strummer vor einem Elvisposter vor sich hin schrammelt, ist nur ein weiteres Indiz für Kaurismäkis Oszillieren zwischen nuanciertem Witz und offensichtlicher Parodie. Weitere Codes, wie die obligatorische Femme fatale, der übermäßige Zigaretten- und Alkoholgenuß oder die Manipulation der Zeitachsen werden auf ähnliche Weise unterlaufen.


Léaud nimmt in diesem Verwirrspiel natürlich eine entscheidende Rolle ein. Er baut dabei allerdings nie Distanz zu Henri Boulanger auf – fraglich, ob Léaud zur Distanz gegenüber seinen Figuren überhaupt fähig ist – sondern schränkt sein expressives Spiel extrem ein. Man könnte auch sagen, daß er es auf sein Gesicht reduziert. Ein Vorbild für eine solche Veränderung der darstellerischen Prägung bei einer Schauspiellegende findet sich ausgerechnet in einem klassischen Film Noir: In Schwarzer Engel sieht man einen weitgehend auf seine großartige Mimik reduzierten Peter Lorre als äußerst zwielichtigen Clubbesitzer Marko. Lorre, ein ähnlich durchschnittlicher Sprecher des Englischen wie Léaud, ist in Roy William Neils letzten Film jedoch genauso wenig »Accent Clown«, wie Léaud als Henri Boulanger. Stattdessen läßt er kurz vor Schluß in nicht ganz einheitlicher Tonfarbe einen Spruch fallen, den auch Kaurismäki beim Drehen seiner Hommage im Kopf gehabt haben dürfte: »Great respect for that, but unfortunately I'm a very suspicious man.«
2010-01-25 11:47

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