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Das Leben ist eine Baustelle

D 1997. R,B: Wolfgang Becker. B: Tom Tykwer. K: Martin Kukula. S: Patricia Rommel. M: Jürgen Knieper, Christian Steyer. P: X-Filme, WDR, Arte, Senator. D: Jürgen Vogel, Christiane Paul, Ricky Tomlinson, Christina Papamichou, Martina Gedeck, Armin Rohde, Rebecca Hessing, Andrea Sawatzki u.a.
115 Min. X Verleih ab 11.12.09

Sp: Deutsch (DD 5.1.). Ut: Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch. Bf: 1.77:1. Ex: Audiokommentar, Fotogalerie, nicht verwendete Szenen, Trailer, Soundtrack.

»Früher war alles«

Von Carsten Tritt Als im 15. Jahr der Regentschaft Helmut Kohls Das Leben ist eine Baustelle bei der Berlinale Premiere feierte, wirkte das wie ein Aufbruch. Bedeutete das deutsche Kino der 90er zunächst die Sönke-Wortmann-Komödie – selbst Jürgen Vogel und Armin Rohde hatten 1992 mit Kleine Haie ihren Durchbruch –, war da plötzlich und fast aus dem Nichts Wolfgang Beckers Film, der wie kein anderer den Nerv der Zeit traf. Es ging wieder was im deutschen Kino, und von diesem Anstoß, der dann mit Filmen wie Lola rennt fortgeführt wurde, konnte das heimische Kino noch gut zehn Jahre zehren. Umso erstaunlicher ist bei Betrachtung der DVD-Neuauflage der »Baustelle«, wie gut dieser Film die Zeit überstanden hat, der doch eigentlich das Unbeständige zum Thema hat, und bei dem selbst das Happy End nicht mehr sein darf als ein Augenblick vergänglichen Glücks.

Gleich die Exposition läßt Jürgen Vogels Jan Nebel in der Toilette seiner von Andrea Sawatzki gespielten Sexualpartnerin auf ein Top Gun-Poster schauen, und es ist dabei nicht nur der Vergleich mit dem jungen Tom Cruise, dem seine Figur nicht standhält, sondern auch ein Rückblick auf die vergangene Welt der eindeutigeren Werteordnung der 80er. Nebel gerät sodann in eine Straßenschlacht, wird verhaftet, verliert seinen Job, hat vielleicht Aids und findet seinen Vater tot in einem Teller Ravioli liegen, und wenn das alles dann trotzdem eine Komödie ist, liegt es daran, daß sich um ihn herum alsbald ein Figurenensemble bildet, dem es auch nicht besser geht: Vera (nie wieder war Christiane Paul so gut), mit der er bald zusammen ist, obwohl sie häufig gar nicht richtig da scheint, Kristina, die auf der Suche ist wie wir alle, in ihrem Fall aber konkret nach ihrem Bruder, und der aus der Zeit gefallene Endvierziger Buddy, der wieder zwischen zwei Jobs hängt und bei dem die Stimme von Synchronaltmeister Wolfgang Hess nicht nur das Spiel Ricky Tomlinsons, sondern auch das Dialogbuch von Becker und Tykwer um den Begriff »Kauleiste« bestens ergänzt.

Es ist immer wieder faszinierend anzuschauen, am deutlichsten wohl noch erkennbar in dem Kaufhausmaskottchen, als das sich Nebel zwischenzeitlich verdingt, doch konsequent fortgeführt über den ganzen Film, wie bei Becker Absurditäten und Realismus ineinander übergehen, und es sind diese unsicheren Zeiten, in denen sie schließlich nicht mehr zu unterscheiden sind. Nur wenige Filme spiegeln so präzise und doch unterhaltsam das Bild einer bestimmten Epoche wieder, Menschen am Sonntag oder Zur Sache, Schätzchen gehören dazu, und eben auch Das Leben ist eine Baustelle.

Was bei rückblickender Betrachtung des Films allerdings auffällt, ist, daß sein Ton doch nicht nur durch „die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära“ vorbestimmt war: Denn auch nach Kohl ist es nicht anders geworden, schließlich war es unter rot-grün, daß nicht nur die Kriegsbeteiligung im Kosovo und Afghanistan beschlossen wurde, sondern mit Hartz IV der fehlenden Sicherheit schließlich der heute noch gültige Name gegeben wurde. Das Leben ohne Konstante ist Normalität geworden, und auch insofern war Das Leben ist eine Baustelle prophetisch, als die »Generation Praktikum« und ihre Nachfolger sich ebenso an diesen Zustand gewöhnt haben, wie es auch Wolfgang Beckers Protagonisten letztlich nicht anders übrig blieb. 2010-01-18 10:16

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