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You Are Not Alone

Du er ikke alene. DK 1978. R,B: Lasse Nielsen. R: Ernst Johansen. B: Bent Petersen. K: Henrik Herbert. S: Hanne Hass. M: Sebastian. P: Steen Herdel. D: Anders Agensø, Peter Bjerg, Ove Sprogøe, Elin Reimer Reimer, Jørn Faurschou, Janek Lesniak, Peter Vittrup, Martin Højmark u.a.
90 Min. CMV-Laservision ab 12.10.07

Sp: Dänisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Trailer, Bildergalerie.

Coming Out als Ideal

Von Marco Geßner An einem dänischen Internat proben die Schüler den Aufstand gegenüber der Lehrerschaft, da sie die strengen Regeln (im genauen Falle: das Aufhängen von erotischen Fotos) der Schulleitung und ihr fehlendes Recht auf Mitbestimmung anprangern. Zeitgleich entdecken der Schüler Bo und Kim, der Sohn des Rektors am Beginn ihrer Pubertät, daß sie mehr als nur freundschaftliche Gefühle füreinander empfinden.

Die Themen des Films gehören zum festen Kanon des Coming-of-Age-Kinos: Ablehnung und Lösung von Autoritäten, Klassenunterschiede, Gefühlschaos, Machtrangeleien, negative wie positive Gruppendynamiken. You Are Not Alone greift dies alles auf und schafft es, trotz der Tendenz zur Überfrachtung, das Ganze stimmig darzubieten, ohne in ein pädagogisches Lehrstück abzugleiten. Inhaltliche Effekthaschereien und überdramatisierte Zuspitzungen werden vermieden und lassen den Darstellern im Rahmen eines einfühlsamen, ruhigen und naturalistischen Grundtenors den nötigen Raum zur Entfaltung. Was Lasse Nielsens Verfilmung aus seinem Genre damals wie auch heute heraushebt, ist die Thematisierung der sexuellen Selbstbestimmung Jugendlicher, für die unaufgeregt, aber unmißverständlich eingestanden wird. Auch hier überrascht der Film, in Übereinstimmung mit seinem allgemeinen Credo, durch die Nichtdramatisierung seines homosexuellen Subkontextes. Die schwärmerische Beziehung zwischen den beiden Jungs wird von den Mitschülern akzeptiert und als normal verstanden; für Ausgrenzung, Beleidigungen oder Ablehnung ist kein Platz.

Utopisch? Nun, vielleicht; speziell wenn mit dem heimischen gesellschaftlichen Hintergrund der Film betrachtet wird. Mit der Bejahung der Vielfalt menschlichen Zusammenlebens und trotz der idealisierten Friedlichkeit zeugt der Film von der vorherrschenden liberalen Einstellung der dänischen Gesellschaft. Zugleich hat You Are Not Alone auch filmhistorisch seinen Platz, ist er doch der erste Film, der nicht nur das Coming Out als positive Lebensentscheidung thematisierte, sondern gezielt dazu aufrief, unabhängig davon, ob es sich nur um eine »Phase« handelt (wie es eine Jugendpostille immer so schön umschrieb) oder eben nicht. Neben den fetischisierten Undergroundfilmen von Kenneth Anger und Jean Genet hatte es zuvor nur ein Film gewagt, die homoerotische Komponente einer Jugendfreundschaft zu thematisieren. Auch Heimliche Freundschaften von Jean Delannoy aus dem Jahre 1964 ergreift dabei für die Jugendlichen Partei, versucht die schwulen Jungenschwärmereien als natürlich und normal zu beschreiben, verurteilt ebenso die überkommenen Moralvorstellungen der Gesellschaft, genauer der Religion, und siedelt seine Geschichte ebenfalls in einem Jungeninternat an. Doch Delannoys Film, der in den Archiven verschimmelt, versteht sich als Anklage für ein erwachsenes Publikum und endet wie gewohnt für damalige Zeiten tragisch mit dem Selbstmord eines Jungen.

Ende der 1970er Jahre begann sich das Kino und sein Publikum mit medialen schwulen Charakteren zu arrangieren, doch ihre filmischen Repräsentanten kamen nie über die Rolle als Klischee an sich hinaus, hatten in den negativsten Ausprägungen auch weiterhin als einzige individuelle Eigenschaft ihre sexuelle Orientierung. Für Deutschland betrachtet, bedeutete dies zum einen die »Röglinisierung« im Unterhaltungsfilm als schrille, asexuelle Tunte oder der depressive, zermürbte, schwächliche und/oder wehklagende Normalbürger, der, trotz strafrechtlicher Entkriminalisierung, weiterhin unter der gesellschaftlichen Stigmatisierung leidet, zumeist daran zerbricht. Fassbinder, Petersen, wieder Fassbinder. So wichtig die Nennung der Lebensqualität für den gesellschaftlichen Diskurs war, Mut zur Bekenntnis vermittelten sie dem Betroffenen nicht, festigten dagegen eher dessen Ängste. Auf der anderen Seite noch Rosa von Praunheim, dessen »Kampffilme« die Leute aus dem stillen Kämmerlein, ihrer Nische hervorlocken sollte. Doch immer stand im Mittelpunkt die Homosexualität als Grundkonflikt, eine Regel, die erst Frank Ripploh 1980 mit Taxi zum Klo einriß, indem er den Fokus der Geschichte von der Veranlagung hin zu den Individuen und ihren Alltags-Beziehungsproblemen änderte und dafür weltweit Beachtung fand.

Nur generell mögen es deutsche Filmemacher eher klamaukig-banal oder schwermütig-verkopft-trocken. So ist es nicht verwunderlich, daß mit Sommersturm der erste Coming-Out-Jugendfilm im Sinne von Nielsens Klassiker erst 2005 produziert werden konnte. Dies und die Tatsache, daß You Are Not Alone erst mit der nun vorliegenden DVD seine Deutschlandpremiere feiert, kann durchaus als Indikator für die jahrelangen Anlaufschwierigkeiten der Gesellschaft mit der Akzeptanz sexueller Umorientierung gesehen werden sowie als Feststellung, daß der Liberalisierungsprozeß noch nicht abgeschlossen ist. Als Diskussionsangebote zum Thema jugendlicher Selbstbestimmung und Bejahung der »Andersartigkeit« sieht sich die Coming-of-Age-Reihe des Labels CMV, in dessen Rahmen der Film hierzulande erschienen ist.

Bild und Ton der DVD sind dem Alter des Films entsprechend und geben keinen Anlaß zur Klage. Die deutschen Untertitel zur Originalsprache sind gut lesbar. Als Bonus gibt es eine Alternativfassung des Films in einem leicht variierenden Letterboxformat sowie zwei Trailer. 2010-01-11 10:14

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