— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

The Children

USA 2008. R,B: Tom Shankland. B: Paul Andrew Williams. K: Nanu Segal. S: Tim Murrell. M: Stephen Hilton. P: Vertigo Films. D: Eva Birthistle, Stephen Campbell Moore, Jeremy Sheffield, Rachel Shelley, Hannah Tointon, Raffiella Brooks, Jake Hathaway, William Howes u.a.
85 Min. Pandastorm (Ascot Elite) ab 10.12.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1.). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Making of, Deleted Scenes, Location-Featurette u.a.

Die kinematografische Unschuld der Kinder

Von Stefan Höltgen Sich Horrorfilme zusammen mit Kindern anzuschauen, bedarf schon eines sehr ausgefeilten medienpädagogischen Konzeptes oder Erziehungsprogramms. Das Weltwissen von Kindern reicht nicht aus, um viele der Genremotive verstehen zu können, ihre Selbstsetzung als Subjekt, das sich von den Objekten der Welt abzugrenzen in der Lage ist, ist noch zu unvollständig, um den Horror nicht über die Maßen als Bedrohung für die eigene Existenz zu empfinden – erst recht, wenn darin die Erwachsenen als Instanzen der Sicherheit und des Vertrauens so nachhaltig beschädigt werden. Umso erstaunlicher ist es vor diesem Hintergrund eigentlich, daß es so viele Filme gibt, in denen von den Kindern selbst der Horror ausgeht und die damit eben auch auf Kinder als Darsteller zurückgreifen müssen. In den entscheidenden Situationen werden die kleinen Schauspieler dann mit Handlungen konfrontiert, die sie auf der anderen Seite der Leinwand besser gar nicht sehen sollten. In Tom Shanklands neuem Horrorfilm The Children wird aus dieser vermeintlichen Diskrepanz ein ästhetisches Prinzip gemacht.

Die titelgebenden Kinder sind nämlich eigentlich nie zu sehen, wenn das mit ihnen konnotierte Grauen ins Leben der Erwachsenen tritt. Zwei Familien treffen sich im Winter im Haus der einen Familie, das ziemlich weit ab von der übrigen Zivilisation liegt. Bei den Besuchern handelt es sich um eine typische Patchwork-Familie: Der Mann ist neu eingeheiratet und bringt eine eigene kleine Tochter mit in die Familie der Frau, die selbst schon eine Tochter – mittlerweile ein Teenager – hat. Beide zusammen bekommen noch ein neues Kind, ein kleiner Junge, der schon zu Beginn des Films kränkelt. Die Gastgeber haben nur eine kleine Tochter, die sie verhätscheln. Während die Erwachsenen ein nettes Silvester miteinander planen, macht sich unter den Kindern eine seltsame Krankheit breit, die sie sich zuerst übergeben, sodann immer unruhiger und aggressiver werden läßt, um sie schließlich in eiskalt kalkulierende kleine Monster zu verwandeln, die einen Erwachsenen nach dem anderen in den Tod befördern. Weil das alles zunächst nach Unglücksfällen aussieht und dem Teenager-Mädchen, das Zeuge vom Komplott geworden ist, niemand glauben will, begeben sich die Erwachsenen zusehends selbst in Gefahr, indem sie ihre Kinder davor schützen wollen.

Interessant im Sinne der Ausgangsfrage ist nun, wie The Children den Kinderhorror inszeniert und dabei schon beinahe über das Phänomen kindlicher Gewalt reflektiert. Der überaus beunruhigend inszenierte Film setzt eine ganze Reihe von Standard-Ästhetiken zur Gruselerzeugung ein: Gruppen werden in einzelne Personen getrennt, die dann der Gefahr viel stärker ausgesetzt sind als zuvor; Standard-Handlungsorte, wie der Wald oder ein Treppenhaus, in dem sich das Böse langsam seinen Weg nach oben zum ausweglosen Opfer bahnt, werden benutzt, und der Schnitt läßt die Bedrohung und die Ermordeten von einer Einstellung zur nächsten einfach verschwinden, als habe der in diesem Moment Blickende, der ja auch der Zuschauer ist, das alles nur geträumt.

Und exakt in dieser Montagepraxis steckt auch das größte Potential des Films. Sie sorgt nicht nur für unerträgliche optische Beschleunigung der anscheinend sehr langsam vorwärtsrückenden Mörderkinder; sie schneidet diese Kinder auch förmlich aus den Gewaltsituationen heraus. Für den Zuschauer, der an Point-of-View-Montagen gewöhnt ist, erscheint es nicht ungewöhnlich, wenn er in einer Einstellung eine über ein wackliges Klettergerüst kriechende Frau und ein vor ihr fortkrabbelndes, weinendes Kind sieht, danach dann eine Großaufnahme nur des verzerrten Kindergesichts, und schließlich im Gegenschuß eine halbnahe Einstellung der Erwachsenen, die hintenüber kippt, mit dem Bein im wackelnden Klettergerüst steckenbleibt und sich so einen offenen Bruch des Kniegelenks zuzieht. Das Kind ist optisch längst nicht mehr da; der Kinderdarsteller beim Dreh der Splatterszene wahrscheinlich längst am Pudding-Buffet.

Doch hinter dieser eher filmpraktischen Betrachtung steckt auch eine narratologische Strategie: Bedrohungen im Horrorfilm manifestieren sich in den seltensten Fällen sofort und verschwinden auch häufig früher als das Übel, das sie verursachen. Monster, Mörder und – wie im Fall von The Children – Kinder werden auf diese Weise im Horrorfilm zu einer Art von Katalysator. Sie wandeln eine Atmosphäre der Bedrohung in eine konkrete Gefahr und – wenn der Prozeß einmal eingeleitet ist und sie nicht mehr benötigt werden – verschwinden genauso wieder, wie sie gekommen sind. Die Katastrophe läßt sich dann schon längst nicht mehr aufhalten. In The Children läßt sich diese Strategie in etlichen Szenen beobachten – und sie führt letztlich zu einer Antwort auf die zentrale Frage des Films: Warum werden die Kinder eigentlich zu den Mördern ihrer Eltern?

Als sich am Schluß des Films zeigt, daß es sich hierbei keineswegs um ein begrenztes Phänomen handelt, wird der katalytisch-metaphorische Charakter der Kinder schnell deutlich: Natürlich sind die Erwachsenen selbst Schuld durch die Art, wie sie ihr Leben leben, wie sie sich in ihren Unaufrichtigkeiten und Uneigentlichkeiten eingerichtet haben und sich so von der direkten Unverstelltheit des kindlichen Blicks auf die Welt entfernt haben. An der Figur der Jugendlichen kondensiert diese Erkenntnis, weil sie noch genau zwischen diesen Sphären steht und für die Kinder zur Bedrohung wird, weil sie zu erwachsen, für die Erwachsenen aber zu verdächtig erscheint, weil sie sich zu kindisch verhält. The Children ist eine junge Produktion in einer Reihe von Filmen um böse Kinder, die bis in die frühe Film-Moderne (The Bad Seed von 1956 oder Village of the Damned von 1960) zurückreicht; alle diese Filme operieren mit denselben ästhetischen Prinzipien, um ihre zumeist gleichbleibende Moral eines aus dem Ruder gelaufenen Generationenkonflikts zu bebildern. The Children macht diese Prinzipien jedoch so sichtbar, wie nur selten vorher ein Film – und bleibt dabei zugleich ein spannender und beunruhigender Horrorfilm klassischen Zuschnitts. 2009-12-07 11:24

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