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In die Hand geschrieben

D 2004. R,B,S: Rouven Blankenfeld. K: Frederik Walter. S: Sandeep Mehta. M: Claudia Schmitz. P: Kunsthochschule für Medien Köln. D: Irma Schmitt, Klaus Lehmann, Hans-Peter Deppe, Heidrun Grote, Daniel Wiemer.
75 Min. Epix ab 28.8.09

Sp: Deutsch (DD 2.0, DD 5.1). Bf: 1.33:1. Ex: Trailer, Kurzfilm »Tag der Umkehr«.

Glaubensfrage

Von Matthias Wannhoff »Primos in orbe deos fecit timor«, schrieb einst der römische Dichter Statius – »die ersten Götter auf der Welt schuf die Angst« – und legte damit den Grundstein nicht nur für die spätere Religionspsychologie, sondern auch für die vieldiskutierte theoretische Trennung von Natur und Kultur. Folgt man etwa Giambattista Vico, so stand am Anfang der griechischen Mythologie die schiere Überwältigung des Menschen durch Naturgewalten, weshalb an die Stelle von Seestürmen oder Gewittern solche Gottheiten wie Poseidon oder Zeus treten mußten, die eine Deutung übermenschlicher Katastrophen als Zeichen erlaubten. Daß Religion jedoch ihrem von Statius und Vico behaupteten Ursprung als Bändigerin der Angst zum Trotz auch immer wieder selbst für Angst und Schrecken sorgte, belegen nicht bloß in Schulbüchern dokumentierte Katastrophen wie Kreuzzüge oder Hexenverbrennungen. So erinnerte Hans-Christian Schmid in Requiem an den tragischen Fall der deutschen Studentin Anneliese Michel, die im Jahr 1976 hinter den verschlossenen Türen ihres Elternhauses in Folge mehrerer Exorzismen an Entkräftung starb.

Rouven Blankenfeld hat den Stoff für In die Hand geschrieben weder aus realen Ereignissen gewonnen noch handelt sein Film von religiösem Fanatismus in erzkatholischen Dörfern; und doch teilt er mit Schmid als narrativen Ausgangspunkt die Einsicht, daß filmischer Horror nicht bloß aus Hexen oder Dämonen, sondern auch aus dem religiösen Eifer erwachsen kann, der solche Bilder überhaupt erst hervorgebracht hat. Die Nähe zum Genre wird nicht erst in der überraschenden, mit christlicher Symbolik aufgeladenen Splatterszene gegen Ende deutlich, sondern schon ganz zu Anfang, als ein betagter Mann im Rollstuhl über den düsteren Gang eines Flures geschoben wird und dabei weniger an einen typischen Vertreter der Ü60-Generation erinnert als vielmehr an den anämischen Greis aus Tobe Hoopers Blutgericht in Texas. Das Alter, der Glaube, die Gewalt – von alledem handelt Blankenfelds Film.

Inmitten der karg eingerichteten Wohnung ihres Vaters kollidiert für die gläubige Maria ihr christliches Wohlwollen schnell mit der profanen Realität körperlichen Verfalls. Denn weder Gebete noch ein Besuch auf dem Beichtstuhl können vom irreversiblen Lauf der Natur ablenken, was im Falle der jungen Frau bedeutet: vom Kot sowie den ständigen Schreien ihres durch einen Schlaganfall nicht mehr sprachmächtigen Erzeugers. Marias Ehemann wiederum ist ein bigotter Widerling, dem die Heilige Schrift in erster Linie Vorwände für die systematische Mißhandlung seiner Frau zu liefern scheint. Und statt auf deren Flehen einzugehen, man möge für den Senior doch die Option Pflegeheim in Anspruch nehmen, prügelt der Schein-Heilige seine Gemahlin lieber zur Durchführung der väterlichen Analhygiene. Bis ihren Vater zu ehren für Maria irgendwann genauso unmöglich ist wie die Einhaltung des Gebots, nicht Ehe zu brechen. Zu diesem Schritt verleitet sie bizarrerweise ein anonymer Anrufer, der von seiner Adressatin für Gott höchstpersönlich gehalten wird, in Wahrheit jedoch als Allegorie einer allzu selbstgerechten Schriftlektüre fungiert: So beginnt Maria, angestachelt durch Bibelverse, ihren sadistischen Neigungen und sexuellen Phantasien nachzugehen, bevor dieser Sinneswandel schließlich geradewegs in eine Katastrophe führt, die in ihrem ganzen Ausmaß zeitlich über den Abspann hinausweist.

Blankenfelds Film, mit einem Budget von nur 4.000 Euro realisiert, lebt im wesentlichen von seinen Schauspielern, von denen insbesondere Irma Schmitt heraussticht, die es mit ihrer Darstellung schafft, trotz Opferrolle nicht ausschließlich Sympathien zu wecken: allzu zweifelhaft und widersprüchlich, wie die Hauptfigur einerseits ihre Verzweiflung in Gewalt kanalisiert und es andererseits nicht schafft, den Fesseln ihrer Ehe zu entkommen, ohne auch ihr eigenes Schicksal mitzubesiegeln. Daß die Religionskritik recht verabsolutiert präsentiert wird, stört zunächst nicht; daß andere Teile sozialer Realität zugunsten dieses Kritikobjekts ausgeblendet werden, schon eher: So verschweigt das Bild vom Pflegeheim als heilbringender Insel, die das Ehepaar bloß aus moralischen Gründen nicht zu betreten bereit ist, die immer noch problematische Pflegesituation in Deutschland.

Daß In die Hand geschrieben noch während Blankenfelds Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln fertiggestellt wurde, schlägt auf technischer Ebene nicht unbedingt negativ zu Buche – so ist die recht dürftige Bildschärfe der beklemmenden Atmosphäre in manchen Momenten durchaus dienlich. Gleichwohl deutet die dichte Ballung von Handlungszäsuren und Wendepunkten auf eine leichte Übermut des jungen Filmemachers hin, dem vor lauter Ideen bisweilen die erzählerische Geschlossenheit aus dem Blick gerät. So kann der allzu gerafft erzählten Charakterentwicklung Marias zwar Radikalität, aber wenig Realismus attestiert werden. Vielleicht zeugt dieser Hang zur narrativen Ökonomie aber auch von der Entschlossenheit des Regisseurs, klar Position zu beziehen und von seiner tief sitzenden Wut gegenüber Bigotterie und Mißbrauch von Glaubensdingen – Themen, die auch im der DVD beigefügten Kurzfilm Tag der Umkehr aufgegriffen werden. Gut möglich, daß Blankenfeld irgendwann einmal, ausgestattet mit mehr Geld sowie größerem Vertrauen in die Entfaltung seiner Figuren, der Filmwelt ein Werk schenken wird, das es mit den Leistungen auch eines Hans-Christian Schmid aufnehmen kann. 2009-11-02 10:16

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