— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Langsamer Sommer & Schwitzkasten

Langsamer Sommer (A 1976), Schwitzkasten (A 1978).
230 Min. Alive ab 14.11.08

Sp: Deutsch, Englisch. Ut: Englisch. Bf: 1.33:1. Ex: 16-seitiges Booklet, Kurzfilm »Ich schaff's einfach nimmer« u.a.

Szenen eines Sommers

Von Friederike Horstmann Langsamer Sommer – ein Tagebuchfilm. Ein Sommer in Wien 1974: Gespräche, Ausflüge, Affären, Freundschaften. Szenen werden aneinandergereiht, mehr oder weniger verbunden, launig kommentiert von John Cook und seinem Freund Helmut Boselmann. Sie sitzen auf einer Couch, trinken Bier und beschauen sich Filmaufnahmen eines Sommers. Helmut mit unbändigem Riesenschnauz der 1970er Jahre ein wenig phlegmatisch, John hingegen ständig schwadronierend in einem gestotterten, englisch gefärbten Wienerisch. Eine gemeinsame Erinnerung an vergangene Tage, Frauen sind allgegenwärtig und ein Problem. John, von Ilse verlassen, will den mit ihr begonnenen Film mit Freunden aus der Wiener Bohème fertigstellen, denn »die Ilse-Film ohne Ilse zu End zu bringen, is illusorisch«. Als nachvertonte Geschichten wurde Langsamer Sommer mit einem Minimalbudget ursprünglich auf Super8-Material in Farbe gedreht, dann aber in Schwarzweiß auf 35mm aufgeblasen. Als faszinierendes Hybrid schwebt der im Heimkinoformat gedrehte Film zwischen Autobiographie und Fiktion, Cook selbst wie seine Freunde übernehmen Rollen, tragen im Film die Namen, die sie auch im Leben tragen. Die körnige Unschärfe der Bilder und das Eigenleben von Bild- und Tonebene bewirken eine Unmittelbarkeit der Aufnahmen. Oftmals wirken die Sätze wie improvisiert und sträuben sich dagegen, aus ihrem Filmzusammenhang in Beschreibungen konvertiert zu werden. Immer wieder unvergeßliche Momente, unnachahmliche Sätze: Cook hört Schallplatten von Lou Reed, »da brauch ma wenigstens nimmer nach New York fahren«. Währenddessen tippt ein Freund Aphorismen in die Schreibmaschine: »Besser ein unbefriedigter Sokrates, als ein befriedigtes Schwein.« Eindringlich wirft Cook in dem dokumentarischen Spielfilm Blicke auf nebensächlich Entlegenes, auf ein unaufwendiges Leben. Ein schweifendes, ein zielloses Schlendern. Beziehungen wie auch der nicht fertiggewordene Ilse-Film drohen zu scheitern. Doch zum Schluß ruft John von der nachtdunklen Gasse: »Helmet, die Film is fertig.«

Die Ferne Cooks von kinematographischen Moden und Mäzchen und seine erstaunliche Beobachtungsgabe zeigen sich auch in seinem 1978 gedrehten Film Schwitzkasten. Nach der Selbstbespiegelung in Langsamer Sommer beschreibt Cook nun ein Arbeiterleben. Auch in Schwitzkasten wurden alle Rollen mit Laien besetzt. In nüchtern klaren Bildern wird der Alltag von Hermann Holub erzählt. Wenig motiviert arbeitet er als Gärtner in den Wiener Parkanlagen, kehrt im Prater, schrubbt Statuen. Verliert schnell seine Anstellung. »Nachrennen wird’s dir net«, sagt der Bruder, als es um die Arbeitssuche geht. »Hoffentlich«, antwortet Hermann. Die Szenen sind häufig knapp, die Figuren häufig mundfaul. Die farbigen Bilder sind präzis gerahmt, zeigen den erfahrenen Blick Cooks, der als gebürtiger Kanadier in den 1960er Jahren als Modefotograph in Paris reüssierte. Ein Höhepunkt des Films ist das Treffen Hermanns mit Herrn Ehrlich, einem alten Schulfreund. Ehrlich, eine Karikatur eines engagierten Dichters, benutzt Hermanns Erzählungen als Material für seine Arbeiterpoesie. Als Hermann das in einer Obstschale versteckte Mikro entdeckt, spricht er sein Urteil hinein: »Oaschloch, Oaschloch!« Die große Groteske wird in Schwitzkasten allerdings durch den renitenten Charme Hermanns und Cooks einnehmende Inszenierung gebrochen. Immer wieder funkeln Szenen wundervoll in der Genauigkeit ihrer Beschreibung. 2009-11-09 12:02

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap