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Inside A Skinhead

The Believer. USA 2001. R,B: Henry Bean. K: Jim Denault. S: Mayin Lo, Lee Percy. M: Joel Diamond. P: Fuller Films, Seven Arts Pictures. D: Ryan Gosling, Peter Meadows, Garret Dillahunt, Kris Eivers, Joel Garland, Billy Zane, Theresa Russell, Summer Phoenix u.a.
94 Min. Capelight ab 12.6.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Der Geist, der stets verneint

Von Sven Lohmann Bereits 2001 lief Inside A Skinhead auf dem Sundance Film Festival und gewann dort den großen Preis der Jury – trotz dieser Empfehlung kam er in Deutschland nicht in die Kinos und erscheint erst jetzt auf DVD. Das ist ähnlich rätselhaft wie seine Altersfreigabe: Obwohl das rote Viereck mit der Kennzeichnung »ab 18« doch Blut und Sex verheißt, hält sich Inside A Skinhead mit beidem eher zurück; gerade im Vergleich mit dem wohl bekanntesten Film über Neonazis in US-Amerika, American History X – und der ist hier doch ab 16 freigegeben. Der einzige Grund für die Freigabe ab 18 könnte die wohlmeinende Befürchtung sein, einfache Gemüter könnten die judenfeindlichen Parolen des Films für seine Botschaft nehmen und beklatschen.

Das nämlich muß man Inside A Skinhead lassen: Während hier zwar niemandem das Gesicht in einen Bordstein getreten wird, tut Hauptcharakter Daniel Balint doch vor allem eins: reden. Er redet erst einmal pausenlos über seinen Judenhaß, und wenn er es nicht selber tut, dann eben jemand anders. Als wollte Regisseur und Autor Henry Bean zeigen, wie wenig einfach er es sich und anderen macht, setzt er den Zuschauer fortlaufend dem Geist des charismatischen Balint aus, der nicht umsonst eine Runde intellektueller faschistischer Aktivisten bereichern will. Dieser Einblick in die Theorie der Judenfeindlichkeit ist, gerade weil ziemlich kommentarlos dahingestellt, regelrecht beklemmend. Zunächst überraschend ist dabei, daß Balint keineswegs ein Dummkopf ist (wie man es ja von jemandem erwarten könnte, der mit Reichsflaggen-T-Shirt herumrennt), sondern ganz im Gegenteil ein geistig sehr mobiler und aktiver Mensch – und das letztendlich ist dann auch die Wurzel seines Grundproblems.

In seiner Eigenschaft als Neonazi ist Balint sozusagen seine eigene Antithese: Er ist ein ehemaliger Talmudschüler, und die jüdische Religionsauslegung mit ihrem tyrannischen Gott geht ihm schon seit seiner Schulzeit dergestalt gegen den Strich, daß er diese Abneigung scheinbar durch den denkbar extremsten Gegensatz auszugleichen versucht. Eigentlich betreibt Bean hier weniger eine Charakter- als eher eine Weltanschauungsstudie; sowohl in der einen wie auch in der anderen Welt trittsicher, ist Balint eine Art Stalker im Sinne Tarkowskis, der den Zuschauer durch die Grundgedanken beider Welten führt. So wird dann Inside A Skinhead das Porträt eines Menschen, in dessen Brust zwei Seelen wohnen; des Zweiflers, der gewissermaßen mit Beelzebub den Teufel austreiben will.

Angenehmerweise ist Inside A Skinhead ein Film, der nicht vorgibt, mehr zu sein als er ist. Auf tiefschürfende psychologische Erklärungen zu Balints Verhalten verzichtet er und tut auch gut daran. Dafür spielt Ryan Gosling Balint in einer seiner ersten Kinorollen ziemlich eindringlich, und Bean erzählt seine Geschichte äußerst zurückgenommen und beinahe dokumentarisch, konzentriert sich an erster Stelle auf die Figuren und Dialoge; nur gelegentlich gibt es Kameramätzchen oder symbolische Einschübe, die allzu gewollt wirken. Auch wenn es gewiß größere Filmkunst gibt als diese überraschend unspektakuläre Produktion, so ist es doch erstaunlich (und schade), daß sie bei uns erst mit acht Jahren Verzögerung ohne Kinoauswertung gleich im DVD-Regal landet. 2009-10-02 13:11

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