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Tombstone – Directors Cut

USA 1993. R: George P. Cosmatos. B: Kevin Jarre. K: William A. Fraker. S: Harvey Rosenstock, Roberto Silvi, Frank J. Urioste. M: Bruce Broughton. P: Cinergi Pictures Entertainment, Hollywood Pictures. D: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley u.a.
134 Min. Hollywood Pictures ab 13.8.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Making-of Tombstone, Audiokommentar von Regisseur George P. Cosmatos, das original Storyboard des Regisseurs, Trailer und TV-Spots.

The True Story of Wyatt Earp

Von Martin Holtz Im Fahrwasser von Erbarmungslos (1992) entstanden in den frühen 1990ern einige revisionistische Western, die sich der Demontage von zu Mythen stilisierten Revolverhelden widmeten. Von den beiden Wyatt Earp/Doc Holiday-Filmen Tombstone und Wyatt Earp (1994) gilt letzterer gemeinhin als der bessere. Der jetzt mit siebenjähriger Verspätung in Deutschland erschienene Director’s Cut von Tombstone bestätigt dies. George P. Cosmatos‘ Film ist weniger revisionistisch oder wenigstens innovativ. Vielmehr ist er geradezu nostalgisch, wenn nicht sogar reaktionär, und das sowohl auf narrativer wie auf ästhetischer Ebene.

Filme über Wyatt Earp stehen und fallen in der Regel mit der Darstellung des Protagonisten, seiner Beziehung zu Familie, Feind und Siedlergemeinschaft im Zwiespalt von Recht und Rache. John Ford hat diesen Konflikt noch am komplexesten in My Darling Clementine (1946) dargestellt. Augenscheinlich ist Earp in dem Film der strahlende Held, der als Marshall Gerechtigkeit für seine ermordeten Brüder fordert und die Stadt vom verbrecherischen Gesindel befreit, indem er mithilfe von Doc Holiday und Bruder Morgan die Clanton-Bande im legendären Gefecht am O.K. Corral bezwingt. Earp trägt also zur Zivilisierung des Wilden Westens bei und wird gleichzeitig, Clementine sei Dank, noch zum Gentleman gemacht. Hinter diesem idealistischen Bild steckt allerdings ein rassistischer, sexistischer Eigenbrötler, der das Gesetz mißbraucht, um Rache zu nehmen, und nach getaner Arbeit wieder verschwindet. Dieser Zwiespalt wird bei Ford nicht aufgelöst, sondern repräsentiert das Bild von Zivilisation, die anders nicht zustande kommen kann. Sie ist im Grunde eine große Heuchelei. Diese Heuchelei wird bei späteren Werken wie Die fünf Geächteten (1967) und Wyatt Earp zentraler Bestandteil der Handlung. In Sturges‘ Film ist Earp ein opportunistischer Politiker, in Kasdans ein psychopathischer Rächer. Beide Filme sind subversiv, indem sie fundamentale amerikanische Institutionen, das Rechtssystem einerseits, die Familie andererseits, als Hort für Korruption und Gewalt entlarven.

In Tombstone ist Earp anfangs ein Geschäftsmann, der lediglich eigene Interessen verfolgt und der Verantwortung als Gesetzeshüter ausweicht, wo er nur kann. Dabei beklagt er selbst seine eigene Ziellosigkeit. Schließlich ist es sein untrüglicher Sinn für Gerechtigkeit, der ihn nach der Ermordung des Marshalls Partei gegen die lokale Gangsterbande ergreifen läßt. Der Mord an Bruder Virgil gibt Wyatt schließlich das Rachemotiv, das eine Eskalation der Gewalt in Gang setzt. Die Schurken sind dabei nicht nur eindimensional böse, sondern auch praktischerweise leicht an ihren roten Schärpen zu erkennen, als wären schwarze Hüte nicht genug. Earps Mutation zur Killermaschine ist damit mehrfach gerechtfertigt. Er verkörpert das Ideal des pragmatischen Individuums, er rächt seine Familie, er schafft Recht und Ordnung in der dankbaren Gemeinschaft, und er stärkt seine Männerfreundschaft mit Doc Holiday. Die Ideologie des Films ist also konsequent rückwärtsgewandt und setzt den revisionistischen Versionen eine Variante der Geschichte entgegen, in der der Zweck jedes Mittel heiligt und Gewalt als regenerativ und kathartisch dargestellt wird.

Im Einklang mit dieser reaktionären narrativen Entwicklung steht die Ästhetik des Films. Zum einen bemüht sich Regisseur Cosmatos, den großen Genrevorbildern zu huldigen, indem z.B. Versatzstücke aus Ford wie die Shakespeare spielende Theatertruppe, Klischees wie Sonnenuntergänge und von Telephoto-Objektiven gefilmte Märsche zum Duell und Miniauftritte von Westernlegenden wie Charlton Heston, Harry Carey Jr. und Robert Mitchum als Erzähler eingeflochten werden. Diese Anspielungen verpuffen aber im referenziellen Nirgendwo ohne jegliche tiefere Bedeutung. Zum anderen biedert sich der Film an das zeitgenössische Actionkino an, in der Art und Weise, wie die Schußwechsel mit schnellen Schnitten, Großaufnahmen und reichlich Kunstblut inszeniert werden. Am fragwürdigsten ist jedoch der Realitätsanspruch, den der Film stellt, komplett mit dokumentarischem Stummfilmintro (die Handlung spielt natürlich vor der Erfindung des Kinos), makellosen Bildern, Kulissen, Kostümen und Schnurrbärten (ein Extra der DVD ist eine Dokumentation mit dem Titel »Wie man einen authentischen Western macht«). Damit wird suggeriert, daß hier die einzig wahre Geschichte erzählt wird, was an sich schon fragwürdig ist im Lichte solch metafiktionaler Western wie Little Big Man (1970), die die universelle Verzerrung von Geschichte durch mediale Filter thematisieren. Zusätzlich verärgern jedoch die arg konventionelle und konservative Bildsprache, Psychologie und Handlungskonstruktion, die dem Zuschauer hier als authentisch verkauft werden. Somit ist und bleibt Tombstone nicht nur ein eher enttäuschender Wyatt-Earp-Film, sondern auch einer der weniger interessanten Genrebeiträge der 90er Jahre. 2009-09-15 16:08

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