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Carnival of Souls

USA 1962. R: Herk Harvey. B: John Clifford. K: Maurice Prather. S: Bill de Jarnette, Dan Palmquist. M: Gene Moore. P: Harcourt Productions, Off Color Films. D: Candace Hilligoss, Sidney Berger, Frances Feist, Tom McGinnis, Stan Levitt, Art Ellison, Forbes Caldwell, Dan Palmquist u.a.
93 Min. Savoy Film ab 14.8.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1 anamorph. Ex: Trailershow.

The Last Man on Earth

USA/I 1964. R: Ubaldo B. Ragona. B: William F. Leicester. K: Franco Delli Colli. S: Gene Ruggiero, Franca Silvi. M: Paul Sawtell, Bert Shefter. P: Associated Producers (API), Produzioni La Regina. D: Vincent Price, Franca Bettoia, Emma Danieli, Giacomo Rossi-Stuart, Umberto Raho, Christi Courtland, Antonio Corevi, Ettore Ribotta u.a.
86 Min. Savoy Film ab 14.8.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Doku „Die großen Katastrophen“, Classic Trailershow.

Colour Us Blood Red

Zwei der wichtigsten Schwarzweiß-Horrorfilme sind auf DVD erschienen – in Farbe

Von Stefan Höltgen Im Zuge der neuerlichen Hyperrealisierung des Kinos durch 3D-Technologien zeigt sich wieder einmal, daß Film eben erst in zweiter Hinsicht als ästhetisches Artefakt verstanden wird. Oft wird er als ein Affekt-Spektakel gesehen, das wirken soll. Unter diesen Gedanken ließe sich seine komplette Technikgeschichte subsumieren: von der Erhöhung der Bildfrequenz von 16 auf 24 Bilder pro Sekunde, über die Einführung von Farbe, Ton, größere Tiefenschärfe, 3D-Optiken und anderen Mitteln zur Überlappung von Film- und Zuschauerraum ist die Stoßrichtung des Films der Körper seines Zuschauers. So ist es zu erklären, daß frühe Stummfilme heute nicht mehr bei den Zuschauern wirken, wie sie es in der Vergangenheit vermochten, wo das Publikum angeblich vor dem stummen und schwarzweißen Abbild eines sich nähernden Zuges geflüchtet sein soll. Die Geschichte stimmt nicht, sie sagt aber viel über unser Verhältnis zum Medium Film und welche Macht wir seiner Ästhetik zusprechen.

Man müßte die Bilder jener Tage schon »aktualisieren«, damit sie ihre alte Wirkung wieder entfalten können: indem man ein zeitgemäßes Remake anfertigt oder das Quellenmaterial technisch überholt. Bei den Horrorfilm-Klassikern Carnival of Souls (1962, Herk Harvey ) und The Last Man on Earth (1964, Ubaldo Ragona und Sidney Salkow) ist ersteres schon längst geschehen: Harveys Film hat 1998 ein unrühmliches Remake in der US-amerikanischen Wes-Craven-Produktion gleichen Titels (Regie: Adam Grossman und Ian Kessner) erfahren und wurde jüngst noch einmal von Christian Petzold in dessen Yella aufgegriffen. Richard Mathesons Vorlage zu The Last Man on Earth ist viele Male neu »verfilmt« worden – am bekanntesten sind hier George A. Romeros Night of the Living Dead (1968), The Omega Man (1971, Boris Sagal) und zuletzt I am Legend (2007, Francis Lawrence). Jetzt haben Savoy-Film und Sunfilm beide »Ursprungsfilme« noch einmal auf DVD herausgebracht, sich dabei der zweiten Methode besonnen und sie nachkoloriert.

Dieses Schicksal war in den 1980er Jahren ja bereits Romeros Night of the Living Dead widerfahren. Der Film, dessen Sequels vor allem durch ihre blutigen Splatter-Effekte von sich reden gemacht haben, war auf Schwarzweiß gedreht, was im Nachhinein auf die Zuschauer wie ein Kompromiß gewirkt haben muß: ein schwarzweißer Zombiefilm mit schwarzem Blut – das ergab wohl im Rückblick des Subgenres keinen Sinn, also ist die konsequente Reaktion zunächst das (1990 durch den Spezial-Effekte-Meister Tom Savini erstellte) Remake, dann die Nachkolorierung. Daß die (ursprüngliche?) Wirkung des Films aber ja vor allem auf den scharfen Schwarzweiß-Kontrasten, dem Spiel mit der Dunkelheit, den Schatten und den daraus hervorwankenden, kalkweißen lebenden Leichen herrühren könnte, ist als Anachronismus verworfen worden. Ganz ähnlich ist es bei den beiden nun farbig vorliegenden Filmen.

Deren Überarbeitung ändert zwar nichts an der Qualität der ursprünglichen Fassungen – sie bleiben davon unberührt, und die Farbversionen verhalten sich wie aktuelle Kommentare zu ihnen, die mehr über die Kultur, die sie angefertigt hat, sagen, als über den filmhistorischen Ursprung. Die Farbfassungen haben den von beiden Filmen aufgespannten ästhetischen Diskursen jedoch auf der anderen Seite auch überhaupt nichts hinzuzufügen. Sie stellen lediglich Interpretationen ihrer Vorlagen dar, Mutmaßungen darüber, welche Farbe das Hemd Vincent Prices gehabt haben mag oder wie bunt der verlassene Vergnügungspark auf Coney Island wirklich gewesen sein mag, über den die von Geistern verfolgte Mary in Carnival of Souls irrt. Sie annullieren durch diese Farbspiele jedoch jegliche Subtilität, verschieben Akzente und damit den unangenehmen Grusel, der vor allem aus dem Konflikt des cineastisch vormodernen Appeals des Schwarzweißen zu den sehr modernen Motiven der Filme entstanden ist, in die Profaneität.

Für wen also werden solche Farb-Bastarde, die nicht Vergangenheit sein dürfen, aber auch nicht Gegenwart sein können, erstellt? Sind sie für die viel zitierte MTV-Generation, die angeblich mit alten Optiken nichts anfangen kann? Wohl kaum, denn allein die Farbigkeit zu ändern, läßt einen alten Film noch nicht aktuell aussehen, es stellt sein Alter nur umso deutlicher heraus: Zu Beginn der 1960er Jahre herrscht ein anderer Schnittrhythmus im Horrorfilm, die Musik ist anders, vor allem aber das Schauspiel ist zurückhaltender. Fällt dem Zuschauer die Pietät in der Schwarzweiß-Fassung von The Last Man on Earth vielleicht aufgrund ihrer Zeitgemäßheit gar nicht auf – die Leichen, an denen Vincent Price vorübergeht, liegen zumeist auf dem Bauch oder der Seite, aber nie so, daß man deren Gesicht sieht – es sei denn, sie sind weit genug entfernt. Farbige Horrorfilme ab den 1970er Jahren und vor allem von heute haben nach genau der umgekehrten Prämisse funktioniert: Close Ups auf eben jene vom Tod gezeichneten Gesichter, die damit das Sterben seiner Unpersönlichkeit entreißen sollten. Daß beide DVDs von der FSK für Zuschauer »ab 16« freigegeben wurden, zeigt aber, daß die Rechnung dennoch teilweise aufgegangen ist und man den harmlosen Bildern der Ursprungsfassungen in Farbe mehr Affektpotential zutraut. Oder ist die hohe Jugendfreigabe am Ende bloß aus strategischen Gründen beantragt worden, um zu suggerieren: Schaut, wie sehr wir die ehedem zahmen Filme radikalisiert haben!

Aus film- und medienhistorischer Perspektive stellen die Neubearbeitungen eine interessante Ergänzung der Rezeptionsgeschichte dar. Sie reihen sich ein in die Werk-Editionen, liefern einen Aspekt mehr und bereichern den paratextuellen Kosmos der jeweiligen Filme. Daß der DVD von The Last Man on Earth noch der Dokumentarfilm Day of Fury (1980, Fred Warshofsky), der erst 16 Jahre nach dem Hauptfilm entstanden ist, beigegeben wurde, offenbart bereits den angesprochenen editorischen Aspekt: Einziger Link zwischen beiden Filmen ist neben deren gemeinsamem Thema Vincent Price, der in der Weltuntergangsdokumentation den Kommentar spricht. Wer das Glück hat, beide Spielfilme in den Ursprungsfassungen noch nicht zu kennen, ist jedoch gut beraten, nicht die beiden kolorierten Fassungen zu kaufen. Denn sie vermitteln nicht bloß den falschen (ersten) Eindruck dieser Kleinode des Horrorkinos, sondern rauben demjenigen, der in der Lage ist, Schwarzweiß nicht bloß mit »alt« zu assoziieren, sondern es auch als ästhetische Strategie zu identifizieren, ein Wesentliches der Wirkung beider Filme. 2009-09-11 10:22

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